Jones, LeRoi: Tales
Klaus Benesch
Sprache nordamerikanisch
Übersetzung Langsam bergab (1968)
Übersetzer/in O. Wilck
Hauptgattung Epik / Prosa
Untergattung Erzählung
Wie schon in dem Roman The System of Dante's
Hell, 1965 (Dantes System der Hölle, 1966), so ist
auch in seiner bislang einzigen Sammlung von
Kurzgeschichten, Tales von 1967, die Handschrift
des Lyrikers LeRoi Jones unverkennbar. Während
The System of Dante's Hell nach Jones' eigener
Auskunft assoziativ aus Tönen und Bildern ent-
stand, zeichnet sich in Tales eine umgekehrte
Tendenz ab. Hier führt die selbstreferentielle Aus-
einandersetzung des Autors mit der Frage nach
dem gesellschaftlichen Stellenwert von Fiktionen
zu handlungsarmen, lyrisch-essayistischen Ver-
satzstücken, die eher Tagebucheinträgen als Kurz-
geschichten ähneln. Parallel zu dieser Entwick-
lung lassen sich die insgesamt 16 Geschichten
thematisch grob in zwei Hälften gliedern. Wäh-
rend zunächst die Kritik an den Integrations-
bestrebungen der schwarzen Mittelklasse, an der
Selbstgefälligkeit der literarischen Avantgarde
(zu der sich Jones lange Zeit selbst zählte) oder
am Eskapismus der Literatur im Vordergrund
steht, macht sich im zweiten Teil zunehmend die
Apologie eines geläuterten schwarzen Selbst-
bewusstseins, einer – nach dem vermeintlichen
Niedergang euro-amerikanischer Kultur –‚neuen‘
Zeit bemerkbar.
In „A Chase (Alighieri's Dream)“ („Eine Jagd
(Alighieris Traum)“) knüpft LeRoi Jones inhalt-
lich wie stilistisch an The System of Dante's Hell
an und beschreibt in jazzartig komponierten, as-
soziativen Sequenzen eigene Jugenderfahrungen
im schwarzen Teil Newarks (New Jersey). „The
Alternative“ beleuchtet das Problem gruppen-
interner Gewalt gegen Außenseiter – eine Thema-
tik, die Jones bereits in dem Theaterstück The
Toilet, 1964, aufgegriffen hatte. Auch „Uncle
Tom's Cabin: Alternative Ending“ („Onkel Toms
Hütte anders rum“) ist eine bissige Satire, diesmal
allerdings im Hinblick auf die Stereotypen und
kommunikativen Engpässe in den Beziehungen
zwischen Weißen und Schwarzen. Der junge Ed-
die McGhee, eine deutlich autobiographische Fo-
lie des Autors, beantwortet eine Frage seiner wei-
ßen Grundschullehrerin korrekt, was dazu führt,
dass ihn die Lehrerin mit dem Verdacht auf einen
mentalen Defekt zum Direktor schickt. Obwohl
dieser die angebliche Krankheit sofort als Unsinn
verwirft, alarmiert der Vorgang die Mutter des
Ursprünglich veröffentlicht unter © J.B. Metzler’ sche
Verlagsbuchhandlung und Carl Ernst Poeschel Verlag
GmbH
K. Benesch (*)
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H. L. Arnold (Hrsg.), Kindlers Literatur Lexikon (KLL),
https://doi.org/10.1007/978-3-476-05728-0_5603-1
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