Maria Schreiber 3 Digitale Ambivalenz? Übergegensätzlichkeiten in Bildkommunikation auf Social Media 3.1 Einleitung Durch die Verbreitung von Smartphones und Social Media haben die Intensität und der Umfang von Bildkommunikation als Modus alltäglicher zwischenmenschlicher Verständigung zugenommen. Aus kommunikationswissenschaftlicher Perspektive in- teressiert etwa die Frage, wie in komplexen medialen Umfeldern wie etwa Facebook, Instagram oder WhatsApp Bilder gezeigt und Bildbedeutungen hervorgebracht und ausgehandelt werden und wie sich visuelle und mediale Logik dabei gegenseitig kon- stituieren. Im Sinne der Studien zur visuellen Kultur (Schade und Wenk 2011) werden also Praktiken der Sichtbarmachung untersucht. In diesen Praktiken werden sowohl die Bilder selbst als sinnhafte kommunikative Elemente wie auch ihre Einbettung in bestimmte mediale Umgebungen und schließlich die auf sie bezogene Anschlusskom- munikation relevant. Der vorliegende Beitrag beschäftigt sich mit der Frage, wie spezifisch ikonische Charakteristika der Simultanität und Übergegensätzlichkeit von Bildern innerhalb der medialen Logik von Social-Media-Plattformen hervortreten können. Die dabei zugrundeliegende These ist, dass das sichtbare Aushandeln von Bild-Bedeutungen in diesen Räumen ein Potenzial von Visualität besonders deutlich macht – nämlich jenes, soziale und emotionale Spannungsverhältnisse bzw. Widersprüche simultan zeigen zu können. Der Begrif der Ambivalenz wird dabei verstanden als uneindeu- tiger Seinszustand, als Zwiespältigkeit¹ und weist insofern Nähe zum Begrif der Übergegensätzlichkeit auf, der in Abschnitt 2.1 im Detail ausgeführt wird. Beide Be- grife haben mit jenen der Polaritäten, Widersprüche und Spannungsverhältnisse gemeinsam, dass sie das Vorhandensein von (mindestens) zwei Bedeutungsgehalten beschreiben, aber jeweils unterschiedliche Verhältnisse bzw. Beziehungsqualitäten dieser Bedeutungsgehalte zueinander herstellen. Diese können mehr oder weniger widersprüchlich, spannungsgeladen oder auch gleichgültig-neutral sein. „Digitale Ambivalenz“ beschreibt daher das Phänomen, wie ein digital-mediales Umfeld und besonders Social-Media-Plattformen mögliche Uneindeutigkeiten (hier vor allem in 1 Laut Duden bedeutet Ambivalenz Zwiespältigkeit, Spannungszustand; Zerrissenheit [der Ge- fühle und Bestrebungen]. Siehe https://www.duden.de/rechtschreibung/Ambivalenz (Zugegrifen: 14.07.2020). Ursprüngliche Wortbedeutung von Ambivalenz: aus dem Lateinischen: „ambo“ beide, „valere“ gelten. https://doi.org/10.1515/9783110613681-003