Der Aachener Vertrag und das Deutsch-Französische Parlamentsabkommen Stefan Seidendorf Obwohl der französische Präsident und die deutsche Bundeskanzlerin am 22. Januar 2018, anlässlich des 55. Jahrestags des Elysée-Vertrags, einen erneuerten Freundschafts- und Grundlagenvertrag angekündigt hatten, kam die Unterzeichnungs- zeremonie ein Jahr später in Aachen letztendlich doch überraschend. Zu groß schienen die Schwierigkeiten auf dem Weg zu einem neuen Vertrag, und zu ungewiss der damit verbundene Nutzen und Mehrwert im Vergleich zu den bestehenden Abkommen, als dass Beteiligte und Beobachter auf den raschen Abschluss eines neuen Vertragswerks gewettet hätten. Aber vielleicht erklärt sich das Entstehen eines neuen Vertrags (der den alten jedoch nicht ersetzt, denn der Elysée-Vertrag gilt weiterhin) genau aus dieser Konstellation: einerseits handelt es sich um eine Initiative mit großer Symbolkraft, verbunden mit wichtigen Weichenstellungen, andererseits enthält er politisch letztend- lich wenig kostspielige Festlegungen, die Handlungsspielräume eingeschränkt oder innenpolitische Risiken mit sich gebracht hätten. Dabei lassen sich durchaus Parallelen zum Elysée-Vertrag von 1963 ziehen. Die Details der Verhandlungen, insbesondere die Unsicherheit, die bis zuletzt im Hinblick auf die Natur des zu unterzeichnenden Dokuments (völkerrechtlich bindender Vertrag oder Regierungsabkommen?) herrschte, sowie das kurzfristig anberaumte Datum der Zeremonie in Aachen, kommen einem hier in den Sinn – noch wenige Tage, bevor die ofziellen Einladungen zur feierlichen Unterzeichnung verschickt wurden, gingen die beiden Parlamente davon aus, an diesem Tag ihren eigenen Text über die Schafung eines „Deutsch-Französischen Parlamentsabkommens“ unterzeichnen zu können. Der Beitrag Jean-Claude Tribolets in diesem Band erlaubt es, diese Hintergründe und die Entstehungsgeschichte des Vertragstextes nachzuvollziehen. Er vermittelt, dass der Vertrag von Aachen, ähnlich wie der Elysée-Vertrag von 1963, durchaus auch als das kontingente Ergebnis einer bestimmten historischen und politischen Konstellation ge- sehen werden kann. Dieses in gewisser Weise zufällige Ergebnis erschwert es, bereits © Der/die Herausgeber bzw. der/die Autor(en), exklusiv lizenziert durch Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH, ein Teil von Springer Nature 2020 Frankreich Jahrbuch, https://doi.org/10.1007/978-3-658-29818-0_1 Deutsch-Französisches Institut (Hrsg.), Frankreich Jahrbuch 2019,