1 ISKRA IVELJIĆ Cum ira et studio Geschichte und Gesellschaft in Kroatien in den 1990-er Jahren Jedes Jahrhundert hat die Tendenz, sich als das fortgeschrittene zu betrachten, und alle anderen nur nach seiner Idee abzumessen. Leopold von Ranke, Tagebuchblätter Das Verhältnis zur Geschichte in Kroatien wurde durch drei wichtigen allgemeinen Faktoren geprägt, nämlich den sozialen, regionalen und ethnisch/nationalen, die die Artikulation äusserst verschiedenen Erinnerungskulturen auf dem kroatischen Territorium herbeibrachten. Verschiedene Sozialschichten in Kroatien haben differenzierte Interpretationen der Geschichte hervorgehoben. Die oberen Schichten, vor allen der Adel, der lange seine führende soziale Rolle behielte, lehnte sich an seine Position als natio politica, und an die traditionellen Rechte die s.g. iura municipalia 1 , und pflegte den Mythos von antemurale Christianitatis nach dem das mittelalterliche kroatische Königsreich ein Vorkämpfer der christlichen Zivilisation gegen die osmanischen Eroberungen sei. Dieser Mythos basierte auf einer starker Opposition (wir, die Christen – sie, die Moslemen) und schliess in sich auch Elemente einer Martyrologie, die bis heute erhalten blieben. Nämlich, Kroaten haben sich freiwillig und grosszügig geopfert um das christliche Westeuropa von den Osmanen zu bewahren. Auch für die Unterschichten wie Kleinbürgertum aber hauptsächlich die Bauern, war dieser 1 Diese Rechte sollten eine gewisse Autonomie, wenn keine gleichberechtigte Position, gegenüber dem Ungarischen Königsreich, mit dem Kroatien seit 1102 in der Personalunion stand, gewährleisten. So hatte Kroatien eigenen prorex – den Banus, eigenen Landtag usw.