Werner Abraham ANDERS-I.DOCJ09-03-9912:08 abraham@let.rug.nl Überlegungen zum Passiv im Deutschen und anderen Sprachen: 'Argumenthypothese ' und 'Aspekthypothese' "A challenge in which a successful outcome is assured isn't achallenge." Jon Krakauer Info fhe wild. 1996 0.1. Die Passiverscheinung zwischen zwei erklärenden Grundannahmen Die Ableitung des Passivs ist typologisch keine einheitlich konfigurierte Konstruktion. In den kontinental-westgermanischen Sprachen und dem Lateinischen setzt sie ein lexikalisch externes Argument (designiertes Subjektargument) voraus, im Englischen, Französischen und Russischen sowohl ein externes wie ein internes Argument (Subjekt und (direktes) Objekt). Gleichwohl sind Passive im Deutschen und Russischen - also quer zu dieser ersten Verbklassifikation - aspek- tuelIen Beschränkungen unterworfen, Passive im Englischen dagegen nicht, jedenfalls auf. der ersten Blick. Sehen wir in diesen Kreis von Sprachen noch historische Stufen hinzu, dann ist auch davon auszugehen, daß Sprachen wie das Deutsche von einer Stufe mit einem paradigma- tisch einigermaßen systematisch gefestigten Aspektsystem ohne Passiv - dem Althochdeutschen - zu einer Sprache mit Passiv (und ohne Aspekt) wurde. Wir brauchen gar nicht die gemeinsame indoeuropäische Wurzel zu beschwören, um die folgenden Fragen plausibel erscheinen zu las- sen: Was hat Aspekt mit Passiv zu tun? Und: Soferne solche Übergänge tatsächlich vorliegen - wie sehen die Schritte von Aspekt zum Genus verbi im einzelnen aus, und wo stehen die Spra- chen heute im Vergleich zueinander, also auf einer Art Entwicklungsleiter, mit Vorläufer- ge- genüber Nachläuferstufen in der relativen Diachronie von Aspekt zur Passivdiathese? Es sollen diese Fragen im weiteren unter den versammelnden zwei Hypothesen angespro- chen werden: der 'passivischen Argumenthypothese' sowie der 'passivischen Aspekthypothese' . Damit ist gemeint, daß die Passivableitung rein unter Inachtnahme der Argumentstruktur der Ausgangsprädikate abläuft oder aber eben unter aspektuellen Kriterien. Die 'Argumenthy- pothese' versammelt die in der modemen Syntax bekannten Passivierungskriterien, die aus- nahmslos bestimmt sind durch Manipulationen der Argumente des diathetisch abzuleitenden Prädikats. Die 'Aspekthypothese' dagegen betrachtet das verbale Genus als Epiphänomen, das aus einer Aspektsystematik hergeleitet wird. Dazwischen gibt es, so die opinio communis (vgl. etwa Schoorlemrner 1995), Übergänge, vor allem im typologisch synchronen Nebeneinander, aber auch in historischer Longitudinalität. Ob alle genannten Passivbedingungen in einem Szenario zwischen den beiden Polen unterzubringen sind - etwa die Argumentunterschiede zwi- schen Deutsch und Englisch und die Erwägung, daß das Deutsche aspektuelle Passivein- schränkungen kennt, das Englische hingegen nicht - , muß vorerst offen bleiben. Bei der Suche nach Antwortrouten zu den oben gestellten Fragen habe ich mich von der - vorerst noch unentschiedenen - Annahme leiten lassen, daß Aspekt bzw. Aktionsart auch im modemen Deutschen eine dem Verbgenus vorgeschaltete Grammatikkategorie ist. Diese An- nahme ist vorerst rein methodisch getroffen: Es ist zu prüfen, inwieweit das Deutsche dem Rus-