29 (Visuelles) Wahrnehmen im urbanen öffentlichen Raum SWS-Rundschau (42.Jg.) Heft 1/2002: 29 –52 „Also unten ist’s schön und oben ist’s Bibione“ 1 (Visuelles) Wahrnehmen im urbanen öffentlichen Raum Angelika Psenner (Wien) Das Bild einer Stadt wird – auch – durch die öffentlichen Räume ihrer Straßen und Plätze definiert. Diese spielen eine wichtige Rolle im Zusammenleben der Menschen, sie sind die frei zugänglichen Orte, wo Menschen in ihrem Alltagsleben zusammentreffen. Ob und inwieweit Architektur und Planung Einfluss auf Gestalt und „Aussage“ dieser Räume nehmen, wird hier anhand einer empirischen Studie diskutiert, die sich der Wahrnehmung eben dieses städtischen Raums durch seine BenutzerInnen widmet. Da für die Abwicklung des Projekts ein innovatives Forschungsdesign ausgearbeitet und umgesetzt wurde, wird im vorliegenden Artikel dem For- schungsinstrumentarium besondere Aufmerksamkeit geschenkt. 1. Einleitung Wie wirkt der von PlanerInnen und Bauherrn geschaffene architektonische Raum ei- ner Stadt auf jene Menschen, die ihn beleben und benutzen? Wie wird er wahrgenom- men, und wie lässt sich diese Wahrnehmung wissenschaftlich erforschen? Können wir in diesem Zusammenhang von einer Interaktion zwischen gebautem Raum und Be- nutzerIn sprechen? Oder bleiben (artifizielle) Räume – bzw. die Wahrnehmung dieser Räume – unverändert, d.h. in jeder Situation und für jeden oder jede BetrachterIn/ BenutzerIn gleich? Was bedeutet Raum? Was ist Wahrnehmung? Dieser Flut an Fragen begegnete ich erstmals vor gut drei Jahren, zu Beginn meines Forschungsprojekts, das ich als ausgebildete Architektin im Rahmen meines postgradu- alen Studiums der Soziologie am Institut für Höhere Studien in Wien zu bearbeiten plan- te und das letztendlich in meiner Doktorarbeit einen gewissen Abschluss finden sollte. 2 Eine anfängliche Literaturrecherche ergab, dass nach ersten grundlegenden Studien in den 60er- und 70er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts – genannt seien hier vor allem „The Image of the City“ von Kevin Lynch (1960), „Streets for People“ von Ber- nard Rudofsky (1964) oder „Stadtbild in der Planungspraxis“ von Michael Trieb und Antero Markelin (1976) – keine nennenswerten themenverwandten, wissenschaftli- chen Arbeiten mehr folgten. Eine Mitverantwortung dafür trägt meiner Ansicht nach das Auseinanderdriften der verschiedenen Disziplinen. 3 Zumindest was die Soziolo- 1 Zitat einer Versuchsperson aus dem Praterstraßen-Projekt. 2 Als thematische Vorarbeit wäre hier meine Diplomarbeit „4/5 New York“ (Psenner 1998) zu nennen. Sie stellt einen ersten Schritt in den Bereich der Stadtforschung dar, wobei die Raumwahrnehmung selbst noch keine so essenzielle Rolle spielt. 3 Diese Annahme sehe ich z.B. durch den Umstand bestätigt, dass im konzeptionellen und daher transdiszi- plinär agierenden Kunstbereich seit jeher, besonders aber in den letzten Jahren, eine intensive Auseinan- dersetzung mit Stadtraumwahrnehmung stattfindet. Beispiele dafür sind: 17:48. Eine Arbeit im Institut für Gegenwartskunst und im Stadtraum von Wien (Wien, 1994); Studiocity. L.A. (fleeting instruction 4) (Los Angeles/ Wien, 1997); Die televisionierte Stadt (Wien, 1999); rebound (Tokyo/ Wien, 2001).