23 Volker R. Remmert „Of a Gardiner, and how he is to be qualified“: John Evelyn, Garten- kultur und mathematische Wissenschaften im 17. Jahrhundert Gardens were before Gardiners, and but some hours after the earth. Thomas Browne 1 Die Gartengeschichte der Frühen Neuzeit erfreut sich ungebrochener Attraktivität. Sie hat in den letzten 20 Jahren eine stürmische Entwicklung genommen und sich methodischen und theoretischen Einflüssen aus den Geistes- und Sozialwissenschaften geöffnet. 2 Trotz der zum Teil sehr dichten Gartengeschichtsschreibung sind die Wechselbeziehungen zwischen Gartentheorie und -praxis auf der einen und den mathematischen Wissenschaf- ten auf der anderen Seite ein kaum erforschtes Gebiet, wenn auch die geometrische Anlage frühneuzeitlicher Gärten zu den Standardtopoi der gartenhistorischen Literatur gehört. Nur wenige gartenhistorische Aufsätze und Monographien schenken den Ur- sachen und Ausprägungen der Geometrisierung von Gärten mehr als nur kursorische Aufmerksamkeit. 3 Diese und die zahlreichen weiteren Berührungspunkte von Garten- theorie und -praxis mit den mathematischen Wissenschaften sind sowohl von Seiten der Gartengeschichte als auch von Seiten der Wissenschaftsgeschichte weitgehend uner- forscht, wenn auch vereinzelte Bemerkungen zur Rolle spezieller Bereiche der mathema- tischen Wissenschaften wie der Akustik 4 , der Perspektive 5 oder der Astronomie bzw. Astrologie 6 vorhanden sind. Gleichwohl lohnt es sich, diesen Beziehungen auf den Grund zu gehen, denn die Einflüsse der mathematischen Wissenschaften auf Gartentheorie und -praxis sind nicht allein Indizien für veränderte Formen des Umgangs mit der Natur, son- dern lassen sich gleichzeitig als Indikatoren für Prozesse der Verwissenschaftlichung auffassen. 7 Diesem breiten Themenfeld der Querverbindungen zwischen Gartentheorie und -pra- xis und den mathematischen Wissenschaften in der Frühen Neuzeit möchte ich mich im folgenden am Beispiel des englischen virtuoso John Evelyn (1620–1706) nähern. Zuvor aber werde ich einleitend auf die mathematischen Wissenschaften und das Konzept der Verwissenschaftlichung eingehen. Darauf werde ich in einem zweiten Teil John Evelyn und sein Verständnis von Gärten und der Gartenkultur beziehen. Mathematische Wissenschaften Der Begriff mathematische Wissenschaften (scientiae mathematicae) bezeichnet im 17. Jahrhundert eine Gruppe von Wissensgebieten, denen die Abhängigkeit von Maß und Zahl gemeinsam ist. Die scientiae mathematicae werden unterteilt in die mathematicae purae, die Quantitäten zum Gegenstand haben (Arithmetik und Geometrie), und die mathematicae mixtae oder mediae, deren Gegenstand auch das Studium der Qualitäten ist (z.B. Astronomie, Perspektive, Optik, Musik, Landvermessung, Fortifikation, Architektur). Unter dem Dach der mathe- 2 Remmert:Layout 1 29.10.2007 6:41 Uhr Seite 23