Vorbild und aemulatio: An der Kreuzung von intertextuellen Bezügen in den Totenklagen dreier Frauen in Quintus Smyrnaeus’ Posthomerica: Briseis, Tekmessa und Oinone * GEORGIOS P. TSOMIS Das Epos Posthomerica, ein Bericht über die Ereignisse des Trojanischen Krie- ges, die zwischen den Handlungen der Ilias und der Odyssee liegen, verfasste Quintus (3. Jh. n. Chr.) für Angehörige der griechischen Oberschicht, Dichter und Philologen, die Homer, Hesiod, Apollonios Rhodios und klassische Tragödien kannten, gebildet und literarisch interessiert waren. Diese Leser, die wie Quintus selbst Unterricht beim Grammaticus und beim Rhetor, wo die homerischen Epen eine große Rolle spielten, 1 erhalten und sich dann durch Privatlektüre weiter- gebildet hatten, waren in der Lage, den Text zu verstehen, ihn zu studieren und die Leistung des Dichters beim Aufbau buchübergreifender Handlungsstränge sowie der Gestaltung der einzelnen Bücher und des Ganzen als Einheit zu erfas- sen. Im Epos sind Anspielungen auf Stellen eigener Werke und die anderer Dichter mehr oder weniger deutlich. Solche Textstellen, jeweils als Teileinheit eines bestimmten Zusammenhangs gestaltet, waren dem eigenen Kontext so anzupassen, dass dieser Text unabhängig von den Anklängen widerspruchsfrei und sinnvoll war. Erst durch Erforschen ihrer Funktionen und Erfassen der inter- textuellen Beziehungen wird also ein tieferes Verständnis gewonnen. 2 Wie Riffa- _____________ * Frau Nicola Dümmler und den Herren Manuel Baumbach, Silvio Bär und Thomas A. Schmitz spreche ich meinen Dank für ihre Anregungen aus. Was die Texte aus den Posthomerica betrifft, verwende ich in dieser Studie die Ausgaben von Vian (1963; 1966; 1969) und von Pompella (2002). Texte aus der Ilias werden nach der Ausgabe von West (1998; 2000), aus der Odyssee nach der von Allen ( 2 1917; 2 1919) zitiert. Für den Text von Sophokles benutze ich die Ausgabe von Dawe (1975; 1979). 1 Vgl. Pseudo-Plutarch, Vita Homeri (wahrscheinlich im späten 2. Jh. verfasst); Hillgruber (1994) 5-35; Lamberton (2002) 195, 205; North (1952) 1-33; Marrou ( 6 1977) 311-312; Bonner (1977) 227-249; Verdenius (1970); Robb (1994) 159-182; Fernández (1994) 299-305; Morgan (1998) 219-226; Nilsson (1955) 96. Zu der Ethopoiia mit Themen aus dem Trojanischen Kreis siehe Ureña (1999) 315-339. 2 Vgl. Puccis (1998a) 18 Bemerkungen: „[Allusion] denotes a source text and specifies some discrete, recoverable property(ies) belonging to the intention of this source text (or specifies its own property(ies) in the case of self-echo); the property(ies) evoked modifies the alluding text,