WI – SCHLAGWORT
High-Frequency-Trading
Hochfrequente Handelstechnologien und deren Auswirkungen
auf den elektronischen Wertpapierhandel
DOI 10.1007/s11576-013-0355-5
Die Autoren
Prof. Dr. Peter Gomber ( )
Dipl. Wirtsch.-Inf. Martin Haferkorn
Professur für e-Finance
E-Finance Lab
Fachbereich
Wirtschaftswissenschaften
Goethe-Universität Frankfurt
Grüneburgplatz 1
60323 Frankfurt am Main
Deutschland
gomber@wiwi.uni-frankfurt.de,
haferkorn@wiwi.uni-frankfurt.de
Eingegangen: 2012-04-24
Angenommen: 2013-01-14
Angenommen nach zwei Überarbei-
tungen durch Prof. Dr. Sinz.
Online publiziert: 2013-02-20
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lish via http://www.springerlink.com
and http://www.bise-journal.org:
Gomber P, Haferkorn M (2013) High-
Frequency-Trading. High-Frequency-
Trading Technologies and Their Impli-
cations for Electronic Securities Tra-
ding. Bus Inf Syst Eng. doi: 10.1007/
s12599-013-0255-7.
© Springer Fachmedien Wiesbaden
2013
1 Abgrenzung und Marktrelevanz
des High-Frequency-Trading
High-Frequency-Trading (HFT) ist nach
dem sogenannten „Flash Crash“ am 6.
Mai 2010 und im Kontext der Finanzkri-
se zunehmend in das Bewusstsein der Öf-
fentlichkeit und der akademischen For-
schung gerückt. In der öffentlichen Dis-
kussion werden häufig Pauschalisierun-
gen statt wissenschaftlich fundierter Be-
trachtungsweisen angeführt und Begriff-
lichkeiten des elektronischen Handels
undifferenziert verwendet. In der Litera-
tur wird HFT oftmals als eine Teilmenge
des Algorithmic Trading angesehen. Im
Folgenden wird daher zum besseren Ver-
ständnis zunächst Algorithmic Trading
beschrieben, um darauf aufbauend HFT
zu spezifizieren:
Algorithmic Trading bezieht sich im
weitesten Sinne auf die Generierung und
Übermittlung von Kauf- und Verkaufs-
orders durch Softwarealgorithmen (Prix
et al. 2007, S. 1). Als Algorithmus ist
in diesem Zusammenhang eine Menge
von Anweisungen zu verstehen, welche
Marktdaten in Echtzeit auswerten und
ohne menschliche Intervention Orders
an einen oder mehrere elektronische Fi-
nanzmärkte übermitteln. Engere Defi-
nitionen führen zusätzlich einen direk-
ten Marktzugriff, ein automatisches Or-
dermanagement sowie die Verwendung
durch professionelle Marktteilnehmer als
Kernelemente auf. Während im sonstigen
Algorithmic Trading der marktschonen-
de Auf- bzw. Abbau großer Wertpapier-
positionen über einen längeren Zeithori-
zont im Kundenhandel im Vordergrund
steht (Gomber und Gsell 2006, S. 541),
agieren Hochfrequenzhändler typischer-
weise als Eigenhändler, d.h. im eigenen
Namen und auf eigene Rechnung, und
setzen dementsprechende Handelsstrate-
gien ein.
HFT ist eine Handelstechnologie, die
sich durch kurze Haltezeiten der Wert-
papierpositionen, hohe Handelsvolumi-
na und häufige Orderaktualisierungen im
Eigenhandel auszeichnet. Hochfrequenz-
händler nutzen eine Vielzahl von Kauf-
und Verkaufsorders, welche häufig nach
kurzer Zeit entweder ausgeführt, modifi-
ziert oder gelöscht werden. Modifikatio-
nen und Löschungen sind aufgrund der
schnellen Informationsverarbeitung am
Markt erforderlich, um Orders nahe den
aktuellen Marktpreisen zu halten bzw.
die nicht mehr aktuellen Orders aus dem
Markt zu nehmen. Vorteilhafte Mark-
situationen, wie zum Beispiel Arbitra-
gemöglichkeiten, also die profitable und
risikolose Nutzung von Preisunterschie-
den auf verschiedenen Märkten, kann
nur derjenige Hochfrequenzhändler rea-
lisieren, der diese Marktsituationen an-
hand Echtzeit-Marktdaten erkennt und
sofort und als Erster in entsprechende
Kauf- und Verkaufsorders umsetzt. Da-
her ist hier eine schnelle Reaktionsfähig-
keit des Algorithmus auf sich ändernde
Marktbedingungen auf Basis einer mög-
lichst niedrigen technischen Zeitverzöge-
rung (Latenz) erforderlich. Gerade für
Marktteilnehmer, deren Handelslokati-
on weit entfernt vom jeweiligen Markt-
platz ist, würde in diesem Wettbewerb
aufgrund der Ausbreitungsverzögerung
im Netzwerk ein signifikanter Latenz-
und damit Wettbewerbsnachteil entste-
hen. Aus diesem Grund und zur Ver-
ringerung der Latenz wird der Handels-
computer der Marktteilnehmer in physi-
scher Nähe zum jeweiligen Börsenrech-
ner platziert (Co-Location). Eingegange-
ne Positionen werden regelmäßig zum
Ende des Handelstages verkauft (glattge-
stellt) um Übernachtrisiken zu vermei-
den. HFT findet primär in hochliqui-
den Finanzinstrumenten statt, da hier
sowohl eine Vielzahl von Transaktio-
nen (mit jeweils geringen Margen pro
Transaktion) durchgeführt werden kann
als auch die hohe Marktliquidität einen
schnellen und kostengünstigen Abbau
von Handelspositionen ermöglicht. HFT
wird primär im Eigenhandel spezialisier-
ter, technologisch führender Handels-
häuser bzw. Investmentbanken durchge-
führt und nimmt je nach Entwicklungs-
stufe des jeweiligen Marktes unterschied-
liche Anteile am gesamten Wertpapier-
handel ein. Aufgrund einer bisher fehlen-
den einheitlichen Abgrenzung von HFT
und daraus folgend unterschiedlichen Er-
hebungsmethoden variieren die vorlie-
genden Angaben zu Marktanteilen noch
sehr stark. Im US-Markt finden bereits
40 %–70 % der Handelsausführungen im
Aktienhandel über HFT statt. In Europa
beziffern Börsenbetreiber den Anteil am
Gesamthandel zwischen 13 % und 40 %,
Hochfrequenzhändler quantifizieren die-
sen zwischen 30 % und > 40 % (AFM
2011, S. 13).
WIRTSCHAFTSINFORMATIK 2|2013 99