1 This is a draft for a contribution to a Festschrift. Comments welcome. Please don’t quote from this version. Liebe als Strukturgrund des emotionalen Erlebens. Eine Skizze der Dynamik der passiones animae bei Thomas von Aquin 1 Philipp Schmidt (Universität Würzburg) Abstract Die Leidenschaften der Seele sind bereits in der Antike als Gegenstand philosophischer Reflexion umfangreichen Untersuchungen unterzogen worden. Auch in der Philosophie des Mittelalters finden sich nicht wenige Analysen dessen, was heutzutage als Emotionen oder Gefühle bezeichnet wird. Dabei gilt die Theorie, welche Thomas von Aquin in seiner Summa theologiae entwickelt als die umfassendste und systematischste Betrachtung der passiones animae, die im Mittelalter zu finden ist. Der vorliegende Beitrag stellt zentrale Charakteristika und Besonderheiten der Theorie des Aquinaten heraus. Die eine Besonderheit besteht in der Betonung eines dynamischen und wesensgesetzlichen Zusammenhanges zwischen den verschiedenen passiones. Ausgehend vom Begriff der Bewegung ordnet Thomas sie in mögliche Abläufe des emotionalen Prozesses ein. Die zweite Besonderheit besteht in der zentralen Rolle, die der Liebe als Ermöglichungsbedingung und Strukturgrund der Leidenschaften beigemessen wird. Zugleich gilt Thomas die Liebe auch als erstes Prinzip des Willens, was ihm erlaubt, auch Gott, der frei von Leidenschaften gedacht sein soll, Liebe zuzuschreiben. Wie der Beitrag zeigen möchte, impliziert eine solche doppelte Bestimmung einen analogen Begriff der Liebe, welchem theologische Erwägungen zugrunde liegen. Des theologischen Charakter der Theorie eingedenk, lässt sich nichtsdestotrotz der Frage nachgehen, inwieweit sie sich auch unabhängig von religionsphilosophischen Topoi fruchtbar machen ließe. Abschließend wird in diesem Sinne argumentiert, dass die Konzeption der Liebe und der passiones animae bei Thomas auch als Theorie einer wesentlichen Verflechtung von Gefühle und Wille als zweier analoger Strebephänomene ausgelegt werden könnte – wenngleich diese Interpretation wohl zumindest teilweise von der Intention des Aquinaten abweichen dürfte. 1 Dieser Text ist Teil des Projekts „Modi der Intentionalität: Eine historisch-systematische Analyse“ (gefördert von der Universität Würzburg) und des Projekts „Nicht-gegenstandsgerichtete Intentionalität: Tendenz und Affekt“, gefördert durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) – Projektnr. 446126658. Jörn Müller sei gedankt für seine hilfreichen Anmerkungen zu meinem Text.