Abstract zur Konferenz Digital Humanities im deutschsprachigen Raum 2020 Interpretationsspielräume. Undogmatisches Annotieren literarischer Texte in CATMA 6 Horstmann, Jan jan.horstmann@uni-hamburg.de Universität Hamburg, Deutschland Jacke, Janina janina.jacke@uni-hamburg.de Universität Hamburg, Deutschland Spezifika literaturwissenschaftlichen Annotierens Werden Spielräume in der hermeneutischen Textarbeit als legitime – jedoch gewissen Regeln unterliegende – Pluralität der Zugänge zu Literatur verstanden, zeichnet sich literaturwissenschaftliches Annotieren in mindestens drei Aspekten durch Spielräume aus: 1) Literarische Texte können in vielerlei Hinsicht erforscht werden (etwa strukturell, inhaltlich oder inhaltstranszendierend, vgl. Shusterman 1978; Folde 2015). Dabei unterscheiden sich oft inhaltlicher Fokus und Methode der Texterforschung (vgl. Danneberg 1999; Bühler 2003). 2) Aufgrund ihrer Ambiguität lassen sich literarische Texte selbst innerhalb eines Zugangs unterschiedlich verstehen (vgl. Jannidis 2003; Bauer et al. 2010). 3) Der Texterforschungs- Workflow kann je nach Forscherïn unterschiedliche Methoden-Phasen zyklisch durchlaufen (vgl. Nünning & Nünning 2010, 10–21; Puhl et al. 2015, 42–46). Da DH-Tools möglichst an disziplinspezifische geisteswissenschaftliche Theorien, Methoden und Praktiken rückgebunden werden sollen (vgl. Sahle 2015), sollten digitale Zugänge zur Literaturerforschung diese Spielräume berücksichtigen. Undogmatisches Annotieren mit CATMA 6 ( https://catma.de ) ist eine Möglichkeit, wie dies umgesetzt werden kann. Das webbasierte kollaborative Annotations- und Analysetool CATMA – seit 2008 an der Universität Hamburg entwickelt mit derzeit gut 8.000 aktiven Nutzerïnnen weltweit – integriert Textannotation, Analyse und Visualisierung innerhalb einer webbasierten Arbeitsumgebung vor dem Hintergrund einer konzeptionellen Rückbindung an Theorien der (‘undogmatischen’) hermeneutischen Texterforschung. Dies ist im Bereich der DH-Tools einmalig (vgl. Meister, im Erscheinen). Mit CATMA 6 werden innerhalb des DFG-Projektes forTEXT ( https:// fortext.net ) neue Funktionalitäten 1 und ein noch intuitiver nutzbares Interface auf Basis einer grundlegend neu gestalteten, projektzentrierten Systemarchitektur zur Verfügung gestellt. Wie CATMA 6 geisteswissenschaftlichen Anforderungen (und damit den genannten Spielräumen) gerecht zu werden sucht, soll anhand von vier Funktionskomplexen demonstriert werden: unterschiedlichen Annotationsmodi, Mehrfachannotation, Metaannotation und kollaborativem Annotieren. Dieser Beitrag kann somit auch als exemplarische Umsetzung der Forderung verstanden werden, einen Brückenschlag zwischen DH- und traditionell-geisteswissenschaftlichen Methoden zu schaffen. Vom ersten Zugang zur komplexen Interpretation Zum Verhältnis zwischen Annotation und Interpretation Die Interpretation literarischer Texte wird gemeinhin als eine Kernaufgabe literaturwissenschaftlichen Arbeitens betrachtet. Regeln der Textinterpretationen oder Gütekriterien für Interpretationshypothesen sind aufgrund der Theorie- und Methodenvielfalt nicht eindeutig festgelegt. Zwei Überzeugungen scheinen jedoch über unterschiedliche Ausrichtungen hinweg in der literaturwissenschaftlichen Forschungsgemeinschaft (relativ) allgemein anerkannt: (a) Trotz der Pluralität zulässiger Interpretationen gibt es auch Interpretationen, die einem Text nicht angemessen sind. Und, damit zusammenhängend: (2) Interpretationen sollten (in gewisser Hinsicht) an das sprachliche Material des Textes angebunden sein. Angesichts dieser Sachlage lässt sich leicht erkennen, warum die Methode der Annotation im Zusammenhang mit Interpretationen fruchtbar angewandt werden kann: Der Prozess des Annotierens geht mit textnahem Arbeiten einher, und Annotationen werden grundsätzlich bestimmten Textstellen zugewiesen. Damit ist Annotation besonders geeignet für kleinschrittige textdeskriptive bzw. -analytische Vorhaben, die dann eine Grundlage für Interpretationen liefern können. Interpretationen selbst werden dann – auch in DH-Projekten – häufig in Form zusammenhängender Texte erstellt, innerhalb derer auf textanalytische Ergebnisse (Annotationen) Bezug genommen wird. Hier kann Annotation demnach als Werkzeug von Interpretation gelten. Es kann allerdings durchaus sinnvoll sein, auch Interpretationshypothesen selbst im Prozess des Annotierens zu entwickeln und als Annotationen festzuhalten. Denn zum einen verschwimmt sogar bei gemeinhin als deskriptiv geltenden Operationen wie der narratologischen Analyse otf die Grenze