Neues zur Fauna der Germania libera: Knochenfunde von Wildtieren aus Völschow, Mecklenburg-Vorpommern Ulrich Schmölcke und Marle Breede (†) Einleitung Während des zweiten nachchristlichen Jahrhunderts bestand am Rande einer Flussniederung nahe des heutigen Völschow, Landkreis Demmin (Vorpom- mern), ein dörflicher Siedlungsplatz (FORLER 1999; SCHÄFER 2002; SEGSCHNEIDER 2004; SAALOW & SEGSCHNEIDER 2005) Um die Jahrtausendwende konnten hier in einer großflächigen Untersuchung zahlreiche und vielfältige dörfliche Befunde aufge- deckt und dokumentiert werden (SAALOW & SEG- SCHNEIDER 2005). Es ergaben sich unter anderem mehrere Hausgrundrisse mit Korridor, Wohn- und Stallteil, handwerklich genutzte Kleingebäude sowie gestelzte Speicher. Darüber hinaus konnten zahlrei- che, über die gesamte Siedlungsfläche verstreute Gruben ermittelt werden, bei denen es sich zum Teil um Entsorgungsstätten, zum Teil aber auch um Op- fergruben handelte. Außer zahlreichen anderen Funden erbrachten die Ausgrabungen ein umfangreiches Tierknochenmate- rial, das erstmals aussagekräftige Untersuchungen zu verschiedenen archäozoologischen Aspekten der Römischen Kaiserzeit für das Gebiet des heutigen Mecklenburg-Vorpommerns ermöglicht. Der hier vorgestellten Untersuchung liegen die Knochenfun- de zweier größerer Befunde, die aufgrund des ar- chäologischen Kontextes als vermutliche Opfergru- ben eingestuft wurden, zugrunde. Dabei soll an die- ser Stelle lediglich auf die darunter befindlichen Reste von Wildtieren eingegangen werden. Während es sich bei Befund 115 um ein zusammen- hängendes, fünfteiliges Grubensystem handelt, sind als Befund 810 viele, nicht ausnahmslos miteinander verbundene Gruben zusammengefasst, wobei die ge- samte Fläche ungefähr das Vierfache von Befund 115 ausmacht und zumindest größtenteils umzäunt gewesen war. Diese archäozoologische Untersu- chung dient nicht zuletzt der Bestätigung oder Zu- rückweisung der Ansprache dieser Befunde als „kul- tische Deponien“. Darüber hinaus ist sie in vorlie- gendem Kontext aber auch von faunistischem und paläoökologischem Interesse. Außerdem wurden, um die im Zuge der Ausgrabung angewandte feine Grabungsmethode (Schlämmen) auszunutzen, die Fisch- sowie dabei anfallende Am- phibien- und Kleinsäugerknochen sämtlicher ergra- bener Bereiche analysiert. Methode und Vergleichsrahmen Die archäozoologische Untersuchung des Materials erfolgte nach den etablierten Methoden (Altersbe- stimmung nach HABERMEHL 1985, Vermessung nach VON DEN DRIESCH 1976) und konnte anhand der Vergleichssammlung des Zoologischen Instituts der Universität Kiel und der Stiftung Schleswig- Holsteinische Landesmuseen, Schleswig, durchge- führt werden. Bedanken für vielfältigen Gedanken- austausch möchten wir uns an dieser Stelle bei Dr. Martin Segschneider, Dr. Aikaterini Glykou und Dr. Dorit Feddersen-Petersen. Abb. 1: Die Lage von Völschow und den im Text genann- ten Vergleichssiedlungen. Völschow ist die nördlichste Siedlung des hier he- rangezogenen (engeren) Vergleichsrahmens (Abb. 1). Diesen bilden die Siedlungen Friedland (BENE- CKE 1991) in Mecklenburg-Vorpommern, Welsow (BENECKE 1991) Herzsprung (BENECKE 2004) und Wüste Kunersdorf (TEICHERT 1968) in Branden- burg, Waltersdorf (TEICHERT & MÜLLER 1987), Kablow (TEICHERT 1971), Genshagen und Deutsch Wusterhausen (MÜLLER 1996) im Brandenburg- Berliner Spree-Havel-Gebiet, Hildesheim-Baven- stedt (HANIK 2005) sowie Niederdorla (TEICHERT & aus: Beiträge zur Archäozoologie und Prähistorischen Anthropologie 8 (2011), 53-63