Neohelicon XXVII/2
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PÁL KELEMEN
METAPHORISCHE KONSTRUKTIONEN
UND LESERROLLEN IN ADALBERT STIFTERS
BERGKRISTALL (1852)
Der Aufsatz versucht eine Interpretation von Adalbert Stifters Erzählung Bergkristall vor-
zulegen. Dabei wird den rhetorischen Bewegungen des Textes besondere Beachtung ge-
schenkt. Es wird gezeigt wie Narration, Thematik und Rhetorizität vor allem das Spiel
von Metaphern und Metonymien einander bedingen, bzw. nur in ihrer wechselseitigen
Abhängigkeit vorstellbar sind.
Die Interpretation versucht vor allem das textuelle Spiel der Metaphern des Wanderns,
des Sehens und des Berges zu verfolgen. Unterschiedlich zu den meisten rhetorischen
Lektüren wird angestrebt, dem Text auch einen literaturhistorischen Horizont zuzuord-
nen. Anders wie manche bisherige Interpretatoren bin ich der Meinung, daß der Text als
ein früher Befund der angehenden literarischen Moderne anzusehen ist.
Der historische Horizont wird anhand textueller Positionen der Metapher, sowie der
visuellen Inszenierung und des in der Erzählung rekonstruierbaren Naturkonzeptes umris-
sen. Zum Problem des Sehens, des Blickes und der gesehenen bzw. erlebten Natur, wird
ein intertextueller Bezug auf Baudelaires Pariser Traum erstellt. Das heutzutage proble-
matische Verhältnis vom visuellen und/oder akustischen Code der Literatur wird auch in
dem Bergkristall als ein Thema von besonderer Wichtigkeit erkannt. Dabei geht es um die
Interpretierbarkeit der Natur, also um die sprachliche Deutung grundlegend visueller Zei-
chen. Eine unauflösbare Differenz wird gezeigt zwischen anthropomorpher, sprachlicher
Naturinterpretation und visuellem, desanthropomorphem Naturerlebnis, in dem sich das
Gesehene jeder Interpretation widersetzt.
Schließlich wird ansatzweise ein möglicher Geltungsrahmen für den vielumstrittenen
Diskursformation Realismus angesprochen. Diese Ansätze werden noch in folgenden
Arbeiten gründlicher herauszuarbeiten sein.
Den literaturgeschichtlichen Platz Adalbert Stifters betreffend läßt sich in der Stifter-
Rezeption oft eine Unsicherheit verspüren. Diese Unsicherheit hat wahrscheinlich
ihren Grund darin, daß sich in den letzten zehn Jahren die theoretischen Vorannahmen
der Rezeption verändert zu haben scheinen; den Interpretationen haben die de-
konstruktive und die semiotische Theorie einen neuen Stoß gegeben. Die Kritik hat
Pál Kelemen, H-1144 Budapest, Füredi park 11, Hungary. E-mail: hausmeister@freemail.hu