Die Frage, inwieweit das Auftreten eines
Typ-1-Diabetes im Kindesalter die kogni-
tive Entwicklung dieser Kinder beeinträch-
tigt, wird seit Langem kontrovers diskutiert.
Das kindliche Gehirn befindet sich in den
ersten Lebensjahren noch in der Entwick-
lung. Daher wird befürchtet, dass sich ein
Typ-1-Diabetes, besonders wenn er mit
gravierenden Stoffwechselentgleisungen
wie beispielsweise schweren Hypoglykä-
mien oder Hyperglykämien einhergeht, in
dieser Entwicklungsphase besonders nach-
teilig auf die Ausprägung kognitiver Fertig-
keiten auswirkt. Studienergebnisse zu die-
ser Streitfrage basierten bisher häufig auf
vergleichsweise kleinen Beobachtungsstu-
dien bei kindlichen Diabetespatienten, wel-
che oft ohne eine vergleichbare Kontroll-
gruppe durchgeführt wurden. Die vorlie-
gende Metaanalyse untersucht die kogni-
tive Leistungsfähigkeit von Typ-1-Diabetes-
Patienten, die im Kindesalter erkrankten.
Fragestellung
Der vorliegenden Studie liegen 3 Frage-
stellungen zugrunde:
Der glykämische Index bzw. die glyk-
ämische Last wurden über Ernährungs-
fragebögen erfasst, die zusätzlich in je-
der Studie gegen eine zweite Methode (in
der Regel Ernährungstagebuch) validiert
wurden. Die Korrelationskoeffizienten
zwischen beiden Erfassungsmethoden
lagen zwischen 0,45–0,78, sodass in den
meisten Studien davon ausgegangen wer-
den konnte, dass die Erfassung der Nah-
rungsaufnahme durch den Fragebogen
ausreichte, um eine valide Einschätzung
des glykämischen Index vorzunehmen.
In der Hälfte der Studien mit End-
punkt Diabetes wurde der Typ-2-Diabe-
tes über die Selbstangabe des Patienten
oder die Aufzeichnungen des Arztes fest-
gestellt (n=5), ansonsten über die Messung
des Nüchternblutzuckers oder einen oralen
Glukosetoleranztest (n=5). 25 der 37 Studi-
en stammten aus den USA, 5 aus Kanada
und 5 aus Europa, die restlichen 2 Studien
wurden in Australien durchgeführt.
Für die Analyse wurden die publizierten
„rate ratios“ (RR) verwendet, die bereits auf
bekannte Stör- bzw. Risikofaktoren wie Al-
ter, Geschlecht, BMI, Familienanamnese
u. Ä. adjustiert waren. Dabei bedeutet eine
RR von 1, dass kein Effekt vorhanden war,
ein Wert >1 eine Erhöhung der Erkran-
kungsrate und ein Wert <1 eine Senkung.
Die Autoren fanden eine signifikante Stei-
gerung der Erkrankungsrate im Vergleich
der höchsten Kategorie des glykämischen
Index vs. die niedrigste für den Typ-2-Dia-
betes (RR 1,2; p=0,014), Herzerkrankungen
(RR 1,25; p=0,05), Dickdarmkrebs (RR 1,1;
p=0,044) und Gallenblasenerkrankungen
(RR 1,26; p<0,0001). Ähnliche Ergebnisse
fanden sich für die glykämische Last. Da-
mit ist eine verstärkte Aufnahme von Nah-
rungsmitteln mit hohem glykämischen In-
dex bzw. hoher glykämischer Last mit ei-
ner gesteigerten Erkrankungsrate insbe-
sondere von Typ-2-Diabetes (+20%) ver-
bunden. Diese Ergebnisse waren auch in
den durchgeführten Sensitivitätsanalysen
sehr robust.
Kommentar
Diese sehr sauber durchgeführte Meta-
analyse zeigt, dass eine Ernährung, die
reich an Lebensmitteln mit hohem glykä-
mischen Index bzw. glykämischer Last ist,
selbst bei Adjustierung für bekannte Risi-
kofaktoren besonders zu einem häufigeren
Auftreten des Typ-2-Diabetes führt. Da-
bei sind einige Einschränkungen durch
die zugrundeliegenden Studien zu be-
achten. Der Großteil der Studien stammt
aus den USA, sodass das Ernährungsver-
halten nicht uneingeschränkt auf euro-
päische oder deutsche Verhältnisse über-
tragbar ist. Zudem waren 90% aller Studi-
enteilnehmer Frauen. Darüber hinaus ist
ein gesunder oder ungesunder Lebensstil
immer aus mehreren Faktoren neben der
Ernährung zusammengesetzt (mehr Be-
wegung, weniger Rauchen, geringere psy-
chosoziale Belastung), und dieser Kom-
plex kann auch durch Adjustierung nicht
ausreichend sicher erfasst werden.
Nicht zuletzt liegt ein wesentlicher
Faktor in der Erfassung des glykämischen
Index. Zwar ist die Schätzung über Er-
nährungsfragebögen recht gut, eliminiert
aber nicht die generellen Probleme, die
dem Index innewohnen. Dieser wird je-
weils für das reine Lebensmittel bestimmt,
schwankt aber a) intra- und interindivi-
duell recht stark und wird b) massiv durch
die Kombination mit anderen, insbeson-
dere fetthaltigen Lebensmitteln – bedingt
durch unterschiedliche Resorptionsge-
schwindigkeiten – beeinflusst. Damit
kann der Effekt eines Lebensmittels mit
hohem glykämischen Index auf die Hö-
he der postprandialen Blutzuckerspitzen
sehr unterschiedlich sein, was in keiner
der analysierten Studien berücksichtigt
wird. So ist für diese komplexen Interak-
tionen auch nach dieser Analyse keine ab-
schließende Aussage zu treffen, und Kau-
salität kann mit Beobachtungsstudien per
definitionem nicht nachgewiesen werden.
Korrespondenzadresse
Dr. B. Rose
Institut für Klinische Diabetologie,
Deutsches Diabetes-Zentrum, Leibniz-Zentrum
an der Heinrich-Heine-Universität
Auf’m Hennekamp 65, 40225 Düsseldorf
bettina.rose@ddz.uni-duesseldorf.de
Diabetologe 2008 · 4:559–561 · DOI 10.1007/s11428-008-0331-7
Online publiziert: 12. Oktober 2008 · © Springer Medizin Verlag 2008
N. Hermanns
FIDAM – Forschungsinstitut Diabetes Akademie Bad Mergentheim
Führt Typ-1-Diabetes bei Kindern
zu kognitiven Einschränkungen?
Originalpublikation
Gaudieri P (2008) Cognitive function in
children with type 1 diabetes. Diabetes Care
31: 1892–1897
559 Der Diabetologe 7 · 2008
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