Gerhard Benetka und Giselher Guttmann Neuropsychologie in Österreich. Die universitäre Perspektive Gerhard Benetka und Giselher Guttmann 1. Zur Geschichte der Neuropsychologie Wir wollen unseren Beitrag zur Geschich- te der Neuropsychologie auf jenen Be- reich beschränken, auf dem in der psy- chologischen Forschung in Österreich wesentliche Beiträge erarbeitet wurden: das Gebiet der EEG-Forschung. Die Vor- geschichte 1 dieses Forschungsansatzes in der Physiologie soll nur gestreift wer- den. Am Beginn stehen die bahnbrechen- den Arbeiten von Emil du Bois-Reymond (1818–1896) zur „tierischen Elektrizität“ aus den vierziger Jahren des 19. Jahr- hunderts. Das von Du Bois-Reymond und seinen Schülern entwickelte elektro- physiologische Methodenrepertoire zum Studium der Nerv-Muskel-Verbindung wurde von Gustav Fritsch (1838–1927) und Eduard Hitzig (1838–1907) auf die Untersuchung des Zentralnervensystems übertragen. Es gelang der Nachweis, dass durch die elektrische Reizung be- stimmter Areale des Gehirns von Hun- den mit schwacher Stromstärke jeweils spezifische Muskelaktivitäten ausgelöst werden können. Damit war ein Verständ- nis des Gehirns als galvanischer Apparat möglich geworden und dem Programm einer elektrophysiologischen Kartierung von Funktionsarealen der Weg gebahnt. Um die Mitte der siebziger Jahre konnte David Ferrier (1808–1886) eine umfassen- de vergleichende Analyse der Lokalisati- 1 Vgl. dazu ausführlich Breidbach (1997). on von Hirnfunktionen bei verschiedenen Säugetieren – auch Affen – vorlegen. Al- lerdings erlaubten die Stimulationsexpe- rimente im Anschluss an Fritsch und Hit- zig nur den Nachweis von motorischen Arealen. Ferriers Beschreibung von sen- sorischen Arealen beruhten hingegen al- lein auf Läsionsexperimenten. Der entscheidende Durchbruch zur elektrophysiologischen Lokalisation sen- sorischer Funktionen gelang jedoch etwa zur selben Zeit dem Liverpooler Arzt Ri- chard Caton (1842–1926). Mit Elektroden, die an zwei Punkten der Hirnoberfläche aufgelegt wurden, konnte Caton Poten- tialschwankungen registrieren, die er in Beziehung zu den Funktionen der betref- fenden Hirnregionen zu setzen versuchte. Catons Arbeiten blieben zunächst von der Fachwelt unbeachtet. So musste die bio- elektrische Hirnaktivität 15 Jahre später durch den Polen Adolf Beck (1863–1939) ein zweites Mal entdeckt werden. Seine Experimente erlaubten eine Messung der elektrischen Aktivität des Hirngewebes nach afferenten Stimulationen und damit erstmals auch eine elektrophysiologische Beschreibung sensorischer Hirnareale. Im Labor des Krakauer Physiologen Napole- on Cybulski (1854–1919) – er war Becks Doktorvater gewesen – begann man sich in der Folge vor allem für die Registrie- rung der Spontanaktivität, genauer: für die Auswirkungen von experimentellen Eingriffen bzw. neurologischen Erkran- kungen auf die Spontanaktivität zu inte- ressieren. J. Lehrner et al. (eds.), Klinische Neuropsychologie © Springer-Verlag/Wien 2011