Gastroenterologe 2011 · 6:292–299
DOI 10.1007/s11377-010-0504-y
Online publiziert: 3. Juni 2011
© Springer-Verlag 2011
D. Linz · J. Schmidt · S. Zimmermann · M. Dauer · F. Lammert · M. Böhm
Kliniken für Innere Medizin II und III,
Universitätsklinikum des Saarlandes, Homburg/Saar
Kardiovaskuläre
Erkrankungen: Folgen für
den Gastrointestinaltrakt
Schwerpunkt: GI-Trakt und Nachbarorgane
Kardiovaskuläre und gastrointesti-
nale Erkrankungen besitzen ein über-
lappendes Symptomenspektrum.
Zum einen können sich kardiovasku-
läre Erkrankungen in Form von gas-
trointestinalen Symptomen manifes-
tieren (z. B. das akute Koronarsyn-
drom [3]), zum anderen rufen kardio-
vaskuläre Erkrankungen aufgrund
hämodynamischer Veränderungen
funktionelle Veränderungen und
nachfolgend Symptome am Gastro-
intestinaltrakt hervor. Dies kann im
Einzelfall die Differenzialdiagnose
gastroenterologischer und kardiovas-
kulärer Krankheitsbilder erschweren.
Hintergrund
Bei der chronischen Herzinsuffizienz
kommt es aufgrund einer verminder-
ten Herzauswurfsleistung („low output“)
durch eine gestörte systolische Funktion
der Herzkammer (systolische Dysfunk-
tion) und/oder durch eine beeinträchtig-
te Relaxation (diastolische Dysfunktion)
der Herzkammer zu einer Erhöhung des
Füllungsdrucks. Zusätzlich führt eine
Natrium-Wasser-Retention durch eine
neuroendokrine Aktivierung mit Stimu-
lation des Renin-Angiotensin-Systems
zu einer Erhöhung des Extrazellulärvo-
lumens. Dies begünstigt die Bildung von
peripheren Ödemen sowie Flüssigkeits-
ansammlungen im Bauchraum und im
Bereich der Pleura über eine vermehrte
Flüssigkeitsexsudation und verminderte
Wasserresorption ([4]; . Abb. 1).
Neuroendokrine Aktivierung. Im Rah-
men der Herzinsuffizienz kommt es zu
einer Aktivierung des zirkulierenden Re-
nin-Angiotensin-Aldosteron-Systems.
Dies bewirkt, dass in der Niere Natrium
und somit Wasser tubulär vermehrt rück-
resorbiert werden. Außerdem erhöht An-
giotensin II über eine Steigerung des Ge-
fäßtonus den hydrostatischen Druck im
venösen Bereich des Kapillarbettes. Hier-
durch wird die Ödemneigung gesteigert.
Bei der Herzinsuffizienz wird neben einer
Zunahme der zirkulierenden Renin-An-
giotensin-Mediatoren auch eine Induk-
tion des lokalen Renin-Angiotensin-Sys-
tems im Bereich des Herzens und der Nie-
re diskutiert. Ob das lokale Renin-Angio-
tensin-Systems im Bereich der Darm-
wand bei Patienten mit Herzinsuffizienz
ebenfalls eine Rolle spielt, ist nicht end-
gültig geklärt [18].
Folgen des venösen Rückstaus an Leber
und Intestinum. Die Herzinsuffizienz
führt zu einer Abflussstörung des venö-
sen Blutes im Bereich der Leber (Stau-
ungsleber, . Abb. 2) und des Magen-
Darm-Trakts. Dabei kann es im Rahmen
der akuten kardialen Dekompensation,
bedingt durch eine unzureichende Sauer-
stoffversorgung der Hepatozyten, zu einer
Leberschädigung im Sinne einer hypoxi-
schen Hepatitis kommen. Dies führt zu
einer zentrilobulären Leberzellnekrose.
Klinisch stehen Zeichen der Rechtsherz-
insuffizienz und der Leberfunktionsstö-
rung im Vordergrund. Typische Zeichen
sind gestaute Halsvenen, Unterschen-
kelödeme, Hepatomegalie, Oberbauch-
schmerzen, Pleuraergüsse und Aszites.
Laborchemisch sieht man innerhalb der
ersten Stunden einen deutlichen Anstieg
Herzinsuffizienz
,,low-output”
RAAS↑
Natrium- und
Wasserretention
über die Niere
Venöser Rückstrom
Stauungsleber
Vorlast
Mesenteriale
Venenstauung
Darmwandödem
Proteinsynthese↑
Onkotischer Druck
Transsudation
in die Bauchhöhle
Aszites
Abb. 1 7 Aszites-
entstehung im
Rahmen einer Herz-
insuffizienz (RAAS:
Renin-Angiotensin-
Aldosteron-System)
Redaktion
E. Märker-Hermann, Wiesbaden
J.F. Riemann, Ludwigshafen
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Der Gastroenterologe 4 · 2011