Baldwin, James: Going to Meet the Man
Klaus Benesch
Sprache nordamerikanisch
Übersetzung Des Menschen nackte Haut (1974)
Übersetzer/in G. Stege
Hauptgattung Epik / Prosa
Untergattung Kurzgeschichte
Das 1965 erschienene Buch ist der einzige Kurz-
geschichtenband des vor allem als Romancier und
Essayist bekannt gewordenen Autors. Der ambi-
valente Titel Going to Meet the Man, den die
deutsche Übersetzung nur bedingt wiedergibt, ist
der letzten der insgesamt acht Erzählungen entlie-
hen und bezieht sich auf das traumatische Kind-
heitserlebnis des Polizisten Jesse, der von seinen
Eltern, offenbar um ihn mit den ungeschriebenen
Rassegesetzen im Süden der USA vertraut zu ma-
chen, zum grausamen Lynchmord an einem jun-
gen Afroamerikaner mitgenommen wird. Der
Vergewaltigung einer weißen Frau verdächtigt,
war der Mann, kurz vor dem qualvollen Tod auf
dem Scheiterhaufen, unter ekstatischer Begeiste-
rung der anwesenden Menschenmenge kastriert
worden. Symbolisch lässt Baldwin den Wach-
traum des Polizisten (es ist die Zeit der Bürger-
rechtskämpfe, und die Kleinstadt sieht sich von
revoltierenden Schwarzen sowie aus dem Norden
angereisten weißen Sympathisanten ‚bedroht‘)
nahtlos in den hysterischen Sexualakt mit der
Ehefrau münden und spürt so der tiefenpsycholo-
gischen Dimension des Rassismus im Süden der
USA auf eindringliche Weise nach. Effektvoll
wird darauf hingewiesen, dass der südstaatliche
Rassismus oft um Bilder der Männlichkeit bzw.
Entmannung kreist (vgl. auch das „man“ im Titel).
Auch die übrigen Erzählungen des Bandes set-
zen sich in unterschiedlicher Weise mit der Pro-
blematik der Beziehungen von Weißen und
Schwarzen auseinander oder beleuchten psycho-
logisch subtil Grundfragen menschlicher Existenz
(väterliche Despotie, Homosexualität, Fremd-
bestimmtheit). Während „The Rockpile“ („Der
Felsblock“) ausschließlich den ungezügelten Hass
des Stiefvaters auf den ‚fremden‘ Sohn in den
Vordergrund stellt, wird der familiäre Konflikt in
„The Outing“ („Der Ausflug“) durch die erwa-
chende Homosexualität des ungeliebten Sohnes
zusätzlich problematisiert und um eine interessan-
te Dimension erweitert: Die beiden Kurzgeschich-
ten führen den Leser in das prüde Milieu einer
freikirchlichen schwarzen Baptistengemeinde,
das schon Baldwins bekanntem Roman Go Tell
It on the Mountain, 1953 (Gehe hin und verkünde
es vom Berge, 1966), als Ausgangspunkt diente.
Ursprünglich veröffentlicht unter © J.B. Metzler’ sche
Verlagsbuchhandlung und Carl Ernst Poeschel Verlag
GmbH
K. Benesch (*)
© Springer-Verlag GmbH Deutschland, ein Teil von Springer Nature 2020
H. L. Arnold (Hrsg.), Kindlers Literatur Lexikon (KLL),
https://doi.org/10.1007/978-3-476-05728-0_4849-1
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