Goethes Farbenlehre - ihre Physik und Philosophie
MARTIN CARRIER
Zusammenfassung
Da Goethes Farbenlehre im allgemeinen allein unter dem Blickwinkel der darin enthaltenen
methodologischen Thesen untersucht wird, tritt hier die Rekonstruktion ihres physikalischen
Gehalts in den Vordergrund. Es zeigt sich auf diese Welse, da~ die Farbenlehre als eine Verbindung
physikalischer und sinnesphysiologischer Aspekte einlge der zentralen Versuche der Newtonschen
Optik angemessen interpretieren kann. Die Diskusslon der Methodologie zeltigt anschlief~endein
zukunftweisendes Element: die Erkennmis der Bedeutung der Mef~apparatur fiir die Konstitution
der Theorie. Schlief~lichwird Goethes Naturbild und seine Aktualisierung in den Bestrebungen
der kritischen Theorie er6rtert.
I. DIE REKONSTRUKTION DER PHYSIK IN GOETHES FARBENLEHRE
In der Interpretation von Goethes Farbenlehre, insbesondere soweit sie
dutch Naturwissenschaftler geleistet wird, herrscht die Tendenz vor, den
Olympier gleich in das Reich des ,,Fiihlens und Ahnens" abzuschieben (vgl.
Heisenberg, 1968, S. 16) und den physikalischen Gehalt seiner Theorie nicht
recht ernst zu nehmen. Das fiihrt dazu, daf~ die Physik, die bei Goethe
durchaus auch zu linden ist, entweder ignoriert, oder in einer Weise dargestetlt
wird, die deutlich die Verlegenheit des Interpreten zum Ausdruck bringt (vgl.
z. B. Helmholtz, 1971, S. 41). Physiker wissen eben mit Goethes Farbentheo-
tie im allgemeinen wenig anzufangen. Aufgabe des folgenden ersten Teils ist es
daher, eine Rekonstruktion des physikatischen Gehalts der Goetheschen
Theorie vorzunehmen und dabei insbesondere aufzuzeigen, wie Goethe
Newtons Prismenversuche interpretiert. Dabei gesteht der Verfasser, daf~ der
Versuch dieser Rekonstruktion mit Unsicherheiten behaftet ist, hiitet sich
jedoch davor, Goethe an dieser Stelle Dunkelheit vorzuwerfen, eingedenk
dessen Bemerkung: ,,Wet einem Autor Dunkelheit vorwerfen will, sollte erst
sein eigenes Inneres beschauen, ob es denn da auch recht hell ist: In der
D~immerung wird eine sehr deutliche Schrift unlesbar" (HA, Bd. 12, S. 412).
Die Farben entstehen fiir Goethe aus dem Zusammenwirken von Licht und
Finsternis unter dem Dazwischentreten eines tri.iben Mittels. Geht n~imlich
weii~es Licht dutch ein triibes Medium hindurch, so erscheint es, vor einem
hellen Hintergrund betrachtet, getbrot, vor einem dunklen Hintergrund
betrachtet, hingegen blau: ,,Dieses (farblose) Licht aber dutch ein auch nur
wenig triibes Mittel gesehen, erscheint uns gelb ... Wird hingegen durch ein
triibes von einem darauffallenden Lichte erleuchtetes Mittel die Finsternis
gesehen, so erscheint uns eine blaue Farbe" (HA, Bd. 13, S. 362). Das
Zeitschrift fiir allgemeine Wissenschaftstheorie XII/2 (1981)
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