HENRY M. TAYLOR Bilder des Konspirativen Alan J. Pakulas THE PARALLAX VIEW und die Ästhetik der Verschwörung 1 1 Ansatzpunkt dieses Aufsatzes ist die Frage, welche ästhetischen Bedingungen be- sonders dazu geeignet sind, den Filmzuschauer zur Konstruktion und zum Nach- vollzug konspirativer Denkentwürfe anzuregen. Dabei gehen wir von der Idee aus, dass die zentrale verschwörungstheoretische Konzeption –gleichzeitige Verleug- nung und Errettung einer inkonsistenten Realität durch ihre Verdopplung – dieje- nige einer zweifachen Wirklichkeit ist, von vordergründigem Schein und hinter- gründigem Sein oder von einer Wirklichkeit hinter der Wirklichkeit. Auch wenn diese Vorstellung eher in einem übertragenen als in einem allzu wörtlichen, phy- sisch-räumlichen Sinne zu begreifen ist, lohnt es sich, einen Moment bei diesem Ausdruck zu verweilen, der gerade als bildlicher für eine Ästhetik der Konspiration relevant ist. Denn hier werden Metaphern wörtlich genommen und verdinglicht. Wir können uns diese Wirklichkeit dahinter als einen Vordergrund und einen Hintergrund vorstellen, der durch einen Schleier oder Vorhang verdeckt wird; in diesem Schleier gibt es eine Leerstelle, eine Lücke, die den Blick auf etwas dahinter Liegendes freigibt. So schreibt etwa Wolfram Hogrebe in seinem philosophischen Essay Ahnung und Erkenntnis: Der fragmentarische flow of information durch den Schleier der Wahrnehmung hin- durch führt zu einer Resonanz unserer Registratur als Ahnung von etwas, das hinter dem Wahrnehmungsschleier präsent ist. […] Zu sensorischen Ahnungen gehören auch solche, die uns z. B. nicht offenkundige Zustände, Befindlichkeiten oder Ab- sichten von Personen ahnen lassen. 2 Durch diese Wahrnehmungslücke erscheint der Vordergrund teilweise fragmen- tiert, während wir die Beschaffenheit und Dimension des Hintergrunds in seiner Gesamthaftigkeit nicht klar erkennen, sondern eben nur erahnen können, aber auch geradezu erahnen müssen. Dies gilt vor allem dann, wenn sich zwischen Vor- 1 Für Ideen und Anregungen im Zusammenhang mit diesem Thema danke ich den Organisatoren und Teilnehmenden der Konferenz „The Parallax View – Zur Mediologie der Verschwörung“, Universität Köln, 18./19. Oktober 2007, sowie Annina Scherrer und Marc Albrecht (beide Zü- rich). 2 Wolfram Hogrebe: Ahnung und Erkenntnis. Brouillon zu einer Theorie des natürlichen Erkennens, Frankfurt/M.1996, S. 14 und 16. F4906-Krause.indd 217 F4906-Krause.indd 217 24.08.10 07:33 24.08.10 07:33