Schrott, Raoul: Das lyrische Werk Karen Leeder Sprache deutsch Hauptgattung Lyrik Untergattung Gedicht Raoul Schrott ist in vielen Ländern, Sprachen und Kulturen daheim. Kaum ein zweiter Dichter hat das Reisen in dem Maße zu einem existenziellen und poetischen Prinzip erhoben. Schrott präsen- tiert sich als unermüdlicher Sprachweltreisender, dessen tatsächliche und gurative Expeditionen ihn mit obskuren Kulturen, exotischen Wissens- gebieten, Mythen und Relikten konfrontieren und der letztendlich dem Ideal einer ursprünglichen Einheit von Poesie und Wissenschaft nachstrebt. Aber Schrott ist auch der prototypische poeta doctus, mit weitreichenden Kenntnissen in ver- schiedenen Wissenszweigen von antiken Spra- chen über Etymologie oder Neurolinguistik bis hin zur Quantenphysik. Ganz zu Beginn seiner Karriere hat ihn der Dichter H. C. Artmann bereits, wie es heute in der Literaturkritik zur Norm geworden ist, als einen gelehrten Poeten, einen poeta doctusbetitelt. Neben der humanis- tischen Bildung, die in seiner Übertragung von Euripides (1999) und Homer (2007) zur An- wendung kommt, steht sein Interesse an moder- neren Wissensgebieten, insbesondere den Natur- wissenschaften, das ihm zudem den Vergleich mit Gottfried Benn eingetragen hat. Sein Bedürfnis, herkömmliche Grenzen zwischen Gattungen und Fachbereichen abzubauen, seine gelegentliche Laissez-faire-Haltung, was Detailfragen angeht, und sein Image als Renaissancemensch haben aber auch dafür gesorgt, dass er in manchen Krei- sen als Scharlatan abgetan worden ist. Was ihn vor allem vor anderen zeitgenössi- schen Dichtern hervorhebt, ist seine Faszination für das, was sich am ehesten als Anthropologie oder Archäologieder Poesie bezeichnen lässt. Diese äußert sich in seinen Bemühungen, verges- sene, altertümliche oder marginalisierte Traditio- nen wieder aueben zu lassen, und tritt am deut- lichsten in seiner kontroversen Anthologie Die Erndung der Poesie (1997) zutage, einem Spa- ziergang durch die ersten viertausend Jahre der abendländisch-mediterranen Dichtung. Sein Inte- resse gilt aber auch der Tradition selbst, die er als Antriebsfeder der lyrischen Produktion ansieht: Das Spannungsverhältnis zwischen der dichteri- schen Evozierung des Augenblicks und der geis- teshistorischen Reexion wird zum Produktions- prinzip. Daraus resultiert die konkrete Beschwörung der physischen Welt, oftmals als Chronik eigener Erlebnisse, vor allem aber in der Begegnung mit dem vertrauten Anderen. Ursprünglich veröffentlicht unter © J.B. Metzlersche Verlagsbuchhandlung und Carl Ernst Poeschel Verlag GmbH K. Leeder (*) © Springer-Verlag GmbH Deutschland, ein Teil von Springer Nature 2020 H. L. Arnold (Hrsg.), Kindlers Literatur Lexikon (KLL), https://doi.org/10.1007/978-3-476-05728-0_19242-1 1