Originalien M. Hautzinger 1 · H. Wetzel 2 · A. Szegedi 5 · A. Scheurich 2 · B. Lörch 6 · P. Singer 2 D. Schläfke 3 · H. Sittinger 4 · T. Wobrock 4 · M. J. Müller 2 · I. Anghelescu 5 1 Psychologisches Institut, Eberhard-Karls-Universität Tübingen 2 Psychiatrische Universitätsklinik Mainz · 3 Psychiatrische Universitätsklinik Rostock 4 Psychiatrische Universitätsklinik Homburg/Saar 5 Psychiatrische Universitätsklinkum Benjamin Franklin, Humboldt-Universität Berlin 6 Bürgerhospital Stuttgart Rückfallverhinderung bei alko- holabhängigen Männern durch die Kombination von SSRI und kognitiver Verhaltenstherapie Ergebnisse einer randomisierten kontrollierten, multizentrischen Therapiestudie Nervenarzt 2005 · 76:295–307 DOI 10.1007/s00115-004-1763-y Online publiziert: 19. August 2004 © Springer Medizin Verlag 2005 Alkoholabhängigkeit ist ein häufiges und gravierendes medizinisches und ge- sellschaftliches Problem. Regelmäßiger und langanhaltender exzessiver Alkohol- konsum ist mit zahlreichen Krankheiten mit ungünstigem Ausgang verbunden, was zu Leid und gewaltigen sozioökono- mischen Belastungen der Gemeinschaft führt. Neben genetischen Faktoren, die die individuelle Anfälligkeit beeinflussen, sind es die pharmakologischen Eigenschaf- ten von Äthanol sowie vielfältige Lernpro- zesse, die zur Entstehung von Alkoholab- hängigkeit beitragen. Behandlungsoptio- nen umfassen gegenwärtig pharmakologi- sche und psychologische Interventionen. Medikamente, wie das vermutlich auf die NMDA-Rezeptoren einwirkende Acam- prosat [] oder der µ-Opiatrezeptor-Anta- gonist Naltrexon [2] sind Berichten zufol- ge deutlich wirksamer als Plazebo hinsicht- lich der Rückfallverhinderung bei Alkohl- abhängigkeit. Doch sind diese Ergebnisse nicht einheitlich, und es wurden mehrere widersprüchliche Befunde publiziert [3, 4]. Bei den psychologischen Interventionen haben kognitiv-behaviorale Behandlungs- programme nicht nur eine überzeugende theoretische Begründung, basierend auf Konditionierungskonzepten zur Erklä- rung regelmäßigen und exzessiven Alko- holtinkens [5], sondern auch empirische Evidenzen für die Wirksamkeit der Inter- ventionen. Im klinischen Rahmen werden Kombinationsbehandlungen aus pharma- kologischen und psychotherapeutischen Maßnahmen für die Mehrzahl der alkohol- abhängigen Patienten für angemessen ge- halten, obgleich überzeugende und metho- disch gut kontrollierte Studien zur Unter- stützung dieser Überzeugung kaum vorlie- gen. Die Mehrheit der vorliegenden Studi- en hat sich bislang hauptsächlich auf ein- zelne Behandlungsprogramme und Mono- therapien konzentriert. Serotonerge Dysfunktionen wurden bei alkoholabhängigen Patienten berich- tet [6]. Folglich dürften Medikamente, die auf die serotonerge Neurotransmissi- on einwirken, therapeutische und rück- fallverhindernde Eigenschaften bei dieser Patientengruppe haben [7]. Bislang haben jedoch diese serotonergen Substanzen wi- dersprüchliche Ergebnisse bezüglich der Reduktion von Alkoholkonsum gebracht. Selektive Serotoninwiederaufnahmehem- mer (SSRI), wie z. B. Fluoxetin, haben sich als durchaus wirksam bei depressiven Al- koholikern erwiesen [8]. Über den thera- peutischen Nutzen dieser Medikamente bei nichtdepressiven Alkoholikern wird je- doch unverändert heftig diskutiert [c, 0, ]. Nefazodon ist ein neues Medikament, das die Serotoninwiederaufnahme (in ge- ringerem Maße auch die Noradrenalinwie- deraufnahme) hemmt und die 5-HT 2 Re- zeptoren effizient blockiert. Darüber hi- naus gibt es Studien, die zeigen, dass da- mit depressive Störungen bei Patienten mit Alkoholabhängigkeit erfolgreich be- handelt werden können [2]. Wir berichten im Folgenden die Er- gebnisse einer randomisierten, kontrol- lierten, multizentrischen Studie, bei der Nefazodon in Kombination mit bewähr- ter kognitiver Verhaltenstherapie (CBT) zur Verhinderung von Rückfällen bei Al- koholabhängigkeit. Vergleichs- und Kon- trollbehandlungen waren Plazebomedi- kation und unterstützende Gruppeninter- vention(GC). In einem 2×2 faktoriellen Design sollte die Effektivität von Nefazo- Diese Forschung wurde ermöglicht durch eine Zuwendung des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF: 01EB9417/2) und einen „unrestricted educational grant“ der Firma Bristol Myers Squibb. 295 Der Nervenarzt 3 · 2005 |