93 AUFSäTZE WSI MITTEILUNGEN, 73. JG., 2/2020 DOI: 10.5771/0342-300X-2020-2-93 Nicht nur Humankapital aufbauen: Sozialinvestitionen weitergedacht Seit Giddens 1999 in seinem „Der dritte Weg“ Sozialinvestitionen vorgeschlagen hat, ist das Konzept sowohl in politischen als auch in akademischen Kreisen viel diskutiert und mit dem „Paket zu Sozialinvestitionen“ von der Europäischen Kommission zur sozial- politischen Leitlinie erklärt worden. Mit diesem Konzept verknüpf sich die Hofnung, sozial- und wirtschafspolitische Ziele miteinander zu vereinbaren, indem Menschen in die Lage versetzt werden, sich selbst zu helfen. Dies erfordere eine normative Neu- orientierung der Sozialpolitik in Richtung echter Handlungsfreiheit für die Betrofenen. Doch die Umdeutung von Sozialausgaben zu Investitionen birgt die Gefahr, dass die ökonomische Logik im Vordergrund bleibt. Wie lässt sich dem entgegenwirken ? 1 ORTRUD LEẞMANN, FRANCESCO LARUFFA 1 Einleitung Das Konzept der Sozialinvestitionen ist im Laufe der letzten 20 Jahre zum aktuell einfussreichsten sozialpoli- tischen Paradigma für die Reform des Wohlfahrtsstaats ausgebaut worden. Neben die Absicherungs- und Schutz- funktion des Sozialstaats stellt das Konzept vorbeugende und aktivierende Aufgaben. So soll das sozialpolitische Ziel der Integration benachteiligter Gruppen in den Ar- beitsmarkt durch Investitionen in ihr Humankapital er- reicht werden und das Ziel der Chancengleichheit durch frühkindliche Bildung. Diese Maßnahmen werden nicht als reine „Sozialausgaben“ angesehen, sondern als „Inves- titionen“, weil sie mittel- bis langfristig die Produktivität des Arbeitskräfepotenzials erhöhen und somit verspre- chen, das Wirtschafswachstum zu fördern. Sozial- und wirtschafspolitische Ziele sollen so miteinander verein- bart werden. Die Europäische Kommission bringt das Konzept auf die Formel „in Menschen investieren“, womit angedeu- tet werden soll, dass mehr gemeint ist als wirtschafliche Ziele. Tatsächlich erfordert das Konzept nach Hemerijck (2018, S. 823) im Kern eine normative Umorientierung : Die Menschen sollen nicht nur im Sinne klassischer So- zialpolitik in eine Lage frei von Not versetzt werden oder im Sinne neoliberaler Politik in die Eigenverantwortung genommen werden, sondern zu Handlungsfreiheit im umfassenden Sinne befähigt werden. Hemerijck selbst wie auch Morel / Palme (2017) stellen dabei eine Verbindung zum Capability-Ansatz von Amartya Sen und Martha Nussbaum her. Der Capability-Ansatz formuliert als Ziel wohlfahrtsstaatlicher Politik, alle Menschen in die Lage zu versetzen, ein Leben zu führen, das sie aus guten Gründen wertschätzen (Sen 2003). Dieser Beitrag beabsichtigt, das Konzept der Sozialin- vestitionen vorzustellen und aufzuzeigen, wie es verändert werden müsste, um der behaupteten normativen Umori- entierung tatsächlich gerecht zu werden. 2 Das Konzept der Sozialinvestitionen Für progressive Reformen des Wohlfahrtsstaats ist das Konzept der Sozialinvestitionen richtungsweisend gewor- den. Es hat sowohl die politische Diskussion – besonders aufseiten der Sozialdemokratie – und die Politik von Ent- 1 Dieser Beitrag basiert wesentlich auf den Ergebnissen des Forschungsprojekts RE-InVEST, das ohne die Finanzierung aus Fördermitteln des Forschungsprogramms Horizon 2020 der Europäischen Union, Grant Agreement Nr. 649 447, nicht möglich gewesen wäre. Die Argumente haben wir in Zusammenarbeit mit Jean-Michel Bonvin entwickelt, dem wir ebenso wie auch den anonymen Gutachtern herzlich danken. https://doi.org/10.5771/0342-300X-2020-2-93 Generiert durch IP '207.241.231.83', am 11.12.2020, 13:28:02. Das Erstellen und Weitergeben von Kopien dieses PDFs ist nicht zulässig.