Der Nervenarzt 9•2001
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Zusammenfassung
Ausgehend von dem mehrfach evaluierten
„Integrierten Psychologischen Therapiepro-
gramm“ für schizophrene Patienten (IPT)
entwickelte die Berner Arbeitsgruppe 3 neue
Therapieprogramme zur Verbesserung sozia-
ler Fertigkeiten, welche die Rehabilitations-
themen Wohnen, Arbeit und Freizeit (WAF)
einbeziehen. Um kritischen Einwänden ge-
genüber bestehenden Therapieprogrammen
zu sozialen Fertigkeiten Rechnung zu tragen,
wurden dabei für schizophren Erkrankte
besonders geeignete kognitiv-emotionale
Interventionsmethoden einbezogen.
Im Rahmen der vorliegenden Multi-
Center-Studie erfolgte ein Vergleich des Un-
terprogramms „Soziale Fertigkeiten“ des IPT
(Kontrollgruppe) mit den neuen Therapie-
programmen (WAF,Experimentalgruppe).
Therapie- und Nachbehandlungsphase dau-
erten jeweils 12 Wochen. Der Katamnese-
zeitraum betrug knapp ein Jahr.Kontrollmit-
tel wurden zum kognitiven, sozialen und
psychopathologischen Bereich erhoben.
Die Experimentalgruppen zeigten einen hö-
heren globalen Behandlungseffekt und eine
signifikant größere Symptomreduktion als
die Kontrollgruppe. Aufgrund der Ergebnisla-
ge könnten die neuen Therapieprogramme
zum Wohn-, Arbeits- und Freizeitbereich in
der Standardversorgung eingesetzt werden
und damit herkömmliche Therapieansätze
zu sozialen Fertigkeiten ersetzen.
Schlüsselwörter
Schizophrenie · Therapie sozialer Fertigkeiten ·
Kognitive Verhaltenstherapie · Rehabilitation
Die Entwicklung und Ausdifferenzie-
rung von Ansätzen zur Verbesserung so-
zialer Fertigkeiten lässt sich chronolo-
gisch über 3 Entwicklungsphasen be-
schreiben:
1. Token-Programme („Münzverstär-
kerprogramme“) der 60er und 70er
Jahre, die sich aus dem Modell des
operanten Konditionierens (Skinner)
herleiten, stellten erste Bemühungen
dar, soziale Fertigkeiten schizophre-
ner Patienten zu verbessern [11].
Trotz der nachgewiesenen Aktivie-
rung und der günstigen Beeinflus-
sung des Sozialverhaltens in eng um-
schriebenen Bereichen [30], erschei-
nen diese Ansätze heute aufgrund
der Entwicklung neuerer effektiverer
Methoden und aus ethischen Grün-
den nur noch bei Patienten mit stark
ausgeprägter Negativsymptomatik
und Therapieresistenz gegenüber
anderen Verfahren vertretbar.
2. In den 70er und 80er Jahren wurden
nach dem Paradigma des Model-
lernens (Bandura) Rollenspieltechni-
ken abgeleitet, bei denen die Verbes-
serung „molekularer Fertigkeiten“
(Blickkontakt, Sprachfluss, Gestik
etc.) und komplexer „molarer Fertig-
keiten“ (z. B. sich bedanken; jeman-
den um etwas bitten) unterschieden
wird [38]. Belege für den Aufbau und
die Aufrechterhaltung dieser Fertig-
keiten werden durch umfassende
empirische Daten gut abgesichert
[19, 13]. Moderat fallen dagegen die
Ergebnisse in Bezug auf Generalisie-
rung und soziale Anpassung aus.We-
niger überzeugen die Resultate hin-
sichtlich einer Reduktion von Rück-
fällen, Rehospitalisationen und psy-
chopathologischer Symptomatik [19].
3. Durch den Einbezug von für schizo-
phren Erkrankte relevanten Rehabi-
litationsthemen (z. B. Symptomma-
nagement, Körperpflege und Klei-
dung etc. [21, 25]) entstand im anglo-
amerikanischen Bereich während
der 80er und 90er Jahre die 3. Ent-
wicklungsphase. Zusätzlich wurde
bei der Ausgestaltung dieser „Thera-
piemodule“ ein Problemlösemodell
zugrunde gelegt. Mit diesen Program-
men konnten bessere Ergebnisse be-
züglich Generalisierung und sozialer
Anpassung erzielt werden [25, 22, 42,
26]. Einige Module gelten heute auch
außerhalb des angloamerikanischen
Sprachraums als erfolgversprechend
[20]. Eine Anpassung insbesondere
derjenigen Therapiemodule, die sich
Originalien
Nervenarzt
2001 · 72:709–716 © Springer-Verlag 2001
V. Roder
1
· H. D. Brenner
1
· D. Müller
1
· T. Reisch
1
· M. Lächler
1
· P. Zorn
1,5
· R. Guggenbühl
2
S. Schröder
2
· C. Christen
3
· F. Schmidl
4
· B. Jenull
4
1
Universitäre Psychiatrische Dienste Bern ·
2
Psychiatrische Universitätsklinik Zürich
3
Kantonale Psychiatrische Klinik Wil ·
4
Institut für Psychotherapie Wien
5
Externe Psychiatrische Dienste Liestal
Effekte neuer kognitiv-behavioraler
Therapieprogramme zur Verbesserung
spezifischer sozialer Fertigkeiten
bei schizophren Erkrankten
Eine kontrollierte Studie
Folgende psychiatrische Institutionen nahmen
an der Studie teil: Schweiz: Psychiatrische
Universitätsklinik Zürich, Externe Psychiatrische
Dienste Liestal, Kantonale Psychiatrische Klinik
Rheinau, Kantonale Psychiatrische Klinik Wil;
Deutschland: Bezirkskrankenhaus Haar/
München, Privatnervenklinik Dr. med. Kurt
Fontheim/Liebenburg; Österreich: Institut für
Psychotherapie Wien.
V. Roder
Direktion Sozial- und Gemeindepsychiatrie,
Universitäre Psychiatrische Dienste Bern,
Bolligenstraße 111, CH-3000 Bern 60,
E-Mail: roder@spk.unibe.ch