FORSCHUNG AKTUELL 628 Atypische Beschäftigungsverhältnisse im öffentlichen Dienst Atypische Beschäfigungsverhältnisse breiten sich in weiten Teilen der Wirtschaf aus, vor allem in einigen Dienstleistungsbereichen. Für die Beschäfigten sind sie mit wesentlich höheren Prekaritätsrisiken verbunden als Normalarbeitsverhältnisse. Inwieweit hat diese Entwicklung auch den öfentlichen Dienst erfasst? Oder stellt er noch ein Bollwerk gegen diesen Trend dar? Diesen Fragen geht der nachfolgende Beitrag nach. BERNDT KELLER, HARTMUT SEIFERT 1. Problemstellung Der Arbeitsmarkt des öfentlichen Dienstes (ÖD) ist nur selten Gegenstand wissenschaflicher Analysen. 1 Diese Tat- sache ist aus mehreren Gründen erstaunlich: Zum einen ist er quantitativ von erheblicher Bedeutung. Die Gebietskör- perschafen (Bund, Länder, Gemeinden/Gv.) sind mit ca. 4,6 Mio. Arbeitnehmern (ca. 13 % der abhängig Beschäf- tigten) nach wie vor der größte Arbeitgeber. Zum anderen sind die Regelungs- und Steuerungsmechanismen andere als in der Privatwirtschaf, u. a. wegen des traditionellen Dualismus von öfentlich-rechtlichem Dienstverhältnis der Beamten und privat-rechtlichem Arbeitnehmerstatus der Tarifeschäfigten sowie weiterer institutioneller Vorgaben (u. a. Beamtengesetze, Rechtsverordnungen, Personalver- tretungsgesetze des Bundes und der Länder) (Keller/Hen- neberger 1999). 2 Insofern könnte man vermuten, dass dieser Arbeits- markt primär Normalarbeitsverhältnisse (NAV) bietet, also Beschäfigungsverhältnisse, die mit unbefristeter Vollzeit- tätigkeit ein Subsistenz sicherndes Einkommen gewährleis- ten und in die sozialen Sicherungssysteme integriert sind. Öfentliche Arbeitgeber gelten (immer noch weithin) als „Modellarbeitgeber“, die von den in der Privatwirtschaf üblichen und zum Teil umfangreichen Flexibilisierungs- strategien keinen oder weniger Gebrauch machen. Kurso- rische Evidenz zeigt jedoch, dass diese Annahme nicht – oder zumindest nicht mehr und nicht durchgängig – zutrif. Atypische Beschäfigungsverhältnisse fnden sich auch im ÖD (Czerwick 2010; Keller 2010). Die in den vergangenen Jahren durchgeführten For- schungsarbeiten über Formen und Folgeprobleme atypi- scher Beschäfigungsverhältnisse (zusammenfassend Kel- ler/Seifert 2013) haben genauere Informationen über Entwicklung, Umfang, Verteilung und Strukturmerkmale geliefert – allerdings nur bezogen auf die Gesamtwirtschaf, nicht aber für den ÖD. Diese Wissenslücke ist Hintergrund und Anlass der folgenden Analyse. Im ersten Schritt lösen wir die statistische Sammelkategorie „atypische Beschäfi- gungsverhältnisse“ auf und unterscheiden, wie in der ak- tuellen Forschung üblich, zwischen Teilzeit, Mini- und Midijobs, Befristung und Leiharbeit (Abschnitt 2). Im zwei- 1 Die wenigen umfassenden Analysen (Brandes/Buttler 1990; Warsewa et al. 1996; Henneberger 1997) sind älteren Datums und daher mit Blick auf die referierten Daten nicht mehr aktuell. 2 Die traditionellen Unterschiede zwischen Arbeitern und Angestellten wurden durch den 2005 für Bund und Kom- munen in Kraft getretenen Tarifvertrag für den öffentlichen Dienst (TVöD) abgeschafft. Die Länder vollzogen in ihrem eigenständigen, 2006 geschlossenen Tarifvertrag für den öffentlichen Dienst der Länder (TV-L) diese Änderung nach. © WSI Mitteilungen 2014 Diese Datei und ihr Inhalt sind urheberrechtlich geschützt. Nachdruck und Verwertung (gewerbliche Vervielfältigung, Aufnahme in elektronische Datenbanken, Veröffent- lichung online oder offline) sind nicht gestattet. https://doi.org/10.5771/0342-300X-2014-8-628 Generiert durch IP '207.241.231.83', am 20.07.2018, 06:38:39. Das Erstellen und Weitergeben von Kopien dieses PDFs ist nicht zulässig.