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WSI Mitteilungen 3/2011
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Einleitung
Man stelle sich vor, am 1. Mai würden die
Gewerkschaftssenioren
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geschlossen zu
Hause bleiben. Ein vermutlich klägliches
Bild würden die öffentlichen Kundgebun-
gen zum Tag der Arbeit liefern. Dieses fik-
tive Szenario gibt einen Hinweis auf die
unübersehbare Alterung der deutschen
Gewerkschaften. Seit über zwei Jahrzehn-
ten sind die Einzelgewerkschaften des
DGB mit einer demografischen Verände-
rung ihrer Mitgliedschaft konfrontiert,
die sich als „kombinierter Alterungs- und
Schrumpfungsprozess“ charakterisieren
lässt (Streeck 2007, S. 294). Denn nach
der Gruppe der Erwerbstätigen bilden die
Senioren die zweitgrößte Mitgliedergrup-
pe: Im Jahr 2009 waren 21 % (absolut 1,3
Mio.) bzw. jedes fünfte Mitglied der DGB-
Gewerkschaften Rentner oder Pensionär.
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Die beschriebene Entwicklung ist alles
andere als neu. Bereits in den 1990er Jahren
hielten Martin Kohli und Harald Künemund
fest: „Unbeabsichtigt und weitgehend unbe-
merkt hat sich der Deutsche Gewerkschafts-
bund mit seinen Mitgliederorganisationen
zu einer der größten deutschen Senioren-
organisationen entwickelt“ (Kohli/Küne-
mund 1998, S. 731). Die Zunahme der Mit-
glieder außerhalb der Arbeitsgesellschaft
birgt für die Erwerbstätigenorganisationen
mögliche strategische Widersprüche. Denn
von ihrer Entstehung und Funktion her be-
trachtet sind sie organisierte Zusammen-
schlüsse von Erwerbspersonen mit dem
Zweck, die wirtschaftlichen, sozialen und
politischen Interessen ihrer Mitglieder in
den Arbeitsbeziehungen und im politischen
System zur Geltung zu bringen, wobei die
Mitgliedschaft freiwillig ist. Sie agieren
sowohl als Kampfverband in tarifpoliti-
schen Auseinandersetzungen wie auch als
politischer Verband in der sozialpolitischen
Arena. Gleichzeitig begreift sich die gewerk-
schaftliche Solidargemeinschaft seit jeher
auch als Interessenvertretung der ehemals
Beschäftigten und damit als generationen-
übergreifende Organisation. Mit der verän-
derten Altersstruktur ihrer Mitgliedschaft
ist jedoch zu fragen: Wandelt sich die bis-
herige Randfunktion, die advokatorische
Mitvertretung der Interessen von Älteren,
hin zu einer direkteren Interessenvertre-
tungspolitik? Ein grundlegender Zielkon-
flikt hinsichtlich ihrer Kernfunktion als
Arbeitnehmervertretung würde sich dann
feststellen lassen, wenn die Gegenwarts-
interessen der Älteren im Ruhestand mit
den Zukunftsinteressen der erwerbstätigen
Jungen nicht mehr im Organisationsgefüge
ausbalanciert werden können.
Um potenzielle Veränderungen der
gewerkschaftlichen Handlungs- und In-
teressenvertretungslogik zu diskutieren,
resümieren wir zunächst knapp den wis-
senschaftlichen Diskussionsstand – fokus-
siert auf das Thema der gewerkschaftlichen
Seniorenpolitik (Abschnitt 2) – und richten
sodann den Blick auf die Mitgliederstruk-
tur der Gewerkschaften (Abschnitt 3).
Dabei wird auf die unterschiedliche Ent-
wicklung in den drei mitgliederstärksten
Gewerkschaften IG Metall, IC BCE und
ver.di eingegangen. Abschnitt 4 gibt an-
hand ausgewählter Gewerkschaften einen
Einblick, inwieweit Senioren derzeit an
den inhaltlichen Schwerpunkten, Orga-
nisations- und Beteiligungsformen der
Gewerkschaften partizipieren. Schließlich
wird diskutiert, ob und wie das Potenzial
der aktiven Älteren in den Gewerkschaften
– trotz möglicher struktureller Zielkon-
flikte der Gewerkschaftsarbeit – zum bei-
derseitigen Nutzen von erwerbstätigen und
nicht erwerbstätigen Mitgliedern frucht-
bar gemacht werden könnte (Abschnitt 5).
Abschnitt 6 zieht ein Fazit.
Wolfgang Schroeder, Prof. Dr., Universität
Kassel, Fachgebiet Politisches System
der Bundesrepublik Deutschland.
Arbeitsschwerpunkte: Wandel von Politik
und Ökonomie in Deutschland und Europa,
Sozialstaatlicher Umbau (Gesundheits-,
Arbeitsmarkt- und Rentenpolitik),
Vergleichende Wohlfahrtsstaatsforschung,
Parteien- und Organisationsforschung.
e-mail: wolfgang.schroeder@uni-kassel.de
Bettina Munimus, M. A., Politik-
wissenschaftlerin, Graduiertenstipendiatin
der Friedrich-Ebert-Stiftung, war
wissenschaftliche Mitarbeiterin im
Projekt „Alternde Gesellschaften und
Organisationen für Ältere. Sozialverbände
und Gewerkschaften in nationaler und
internationaler Perspektive“ an der
Universität Kassel. Arbeitsschwerpunkte:
Parteien- und Organisationsforschung,
Wandel von Politik und Ökonomie in
Deutschland und Europa insbesondere
unter der Perspektive des demografischen
Wandels, Sozialstaatsforschung.
e-mail: munimus@uni-kassel.de
1 Diese Publikation verwendet ausschließlich die
männliche Sprachform. Bei allen Personen- und
Funktionsbezeichnungen sind stets auch weibliche
gemeint. Die Verwendung nur einer Geschlechtsform
wurde für eine bessere Lesbarkeit gewählt. Unter der
Bezeichnung Senioren werden Rentner, Pensionäre
sowie Personen im Vorruhestand gefasst.
2 Auf den Alterungsprozess der Christlichen Ge-
werkschaften und des Deutschen Beamtenbundes
(DBB) wird im Folgenden nicht eingegangen. Im
Zentrum der Ausführungen steht die Entwicklung
des DGB und seiner Mitgliedsgewerkschaften.
Gewerkschaften als Interessenvertreter
der älteren Generation?
Wolfgang Schroeder
Bettina Munimus
Im Jahr 2009 waren rund 1,3 Mio. Rentner und Pensionäre Mitglieder in den Gewerkschaften des Deutschen Gewerkschaftsbundes
(DGB). Damit gehören Gewerkschaften mit zu den größten Seniorenorganisationen in Deutschland. Das stellt sie als tarif- und
betriebspolitische Interessenvertreter der Erwerbstätigen vor besondere Herausforderungen. Denn auch die Mitglieder im Ruhestand
möchten interessenpolitisch vertreten werden. Der Beitrag diskutiert, wie Senioren in den Gewerkschaften derzeit integriert sind und
welche Folgen sich daraus für die politische Arbeit der Gewerkschaften ergeben können.
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https://doi.org/10.5771/0342-300X-2011-3-107
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