Phillip H. Roth/Helene Gerhards Es ist nicht alles Gold, was glänzt … Die politische Rhetorik des ›Goldstandards‹ und die diskursive Legitimierung der humanen embryonalen Stammzellforschung in Deutschland * Zusammenfassung: Mit dem Embryonenschutzgesetz (ESchG), der 2002 beschlossenen Stammzellgesetzgebung (StZG) und ihrer Novellierung im Jahre 2008 wurden in Deutsch- land enge Richtlinien für die Beforschung humaner embryonaler Stammzellen (hES-Zellen) gesetzt. Die Erfindung der ›ethisch unbedenklichen‹ humanen induzierten pluripotenten Stammzellen (hiPS-Zellen) 2007 verleitete Beobachterinnen und Beobachter dazu, von einer baldigen Ablösung der hES-Zellforschung durch die hiPS-Zellforschung auszugehen. Tat- sächlich ist dies bis heute nicht der Fall. HES-Zellen werden nach wie vor, selbst unter den strengen Auflagen des StZG, und sogar zunehmend in Deutschland verwendet. Allerdings wird dies gesellschaftlich kaum mehr problematisiert. Wie ist diese Entwicklung zu erklä- ren? Wir argumentieren, dass die Beforschung von hES-Zellen nun nicht mehr ethisch be- gründet werden muss, jedoch nicht etwa deswegen, weil sie durch einen hegemonialen Dis- kurs erfolgreich als moralisch unverfänglich gelablet worden wäre, sondern, weil es möglich geworden ist, sie als lediglich temporäre Notwendigkeit zu rahmen. Die Fortführung der hES-Zellforschung unter der proklamierten Bedingung ihrer prospektiven Einstellung – ei- gentlich ein Paradox – lässt sich an der Rede vom so genannten ›Goldstandard‹ aufzeigen, der eine besondere legitimatorische Funktion im Stammzellforschungsdiskurs zukommt. Wir schlagen vor, das ursprünglich im naturwissenschaftlichen Kontext verwendete, jedoch in der Forschungspraxis mittlerweile weitestgehend aufgegebene Konzept vom Goldstan- dard als politische Semantik zu verstehen, die heute die hES-Zellforschung in Deutschland von Aporien freihält und gesellschaftlich akzeptabel macht: Der Goldstandard steht für den Wert der Fortschrittlichkeit der hES-Forschung in Deutschland, er reifiziert die hES-Zellen als basalen Vergleichsstoff zu den hiPS-Zellen und setzt die hES-Zellen damit als Brücken- technologie ins Werk, welche somit auf noch unbestimmte Dauer in Deutschland betrieben werden muss. Eine historisch sensible Analyse der wissenschaftspolitischen Performanz des Goldstandard-Narrativs kann darüber hinaus aufzeigen, wie wirksam und zugleich fragil der derzeitige ›Stammzellfrieden‹ ist – jene Situation sollte auch das hiesige Stammzell-Mo- nitoring mit ihren neuerlichen Empfehlungen in Rechnung stellen. * Wir bedanken uns herzlich für die wertvollen Anmerkungen zur Verbesserung des Textes aus den anonymen Gutachten der ZfP. ZfP 66. Jg. 2/2019 DOI: 10.5771/0044-3360-2019-2-143 https://doi.org/10.5771/0044-3360-2019-2-143 Generiert durch IP '207.241.231.83', am 14.12.2020, 05:41:24. Das Erstellen und Weitergeben von Kopien dieses PDFs ist nicht zulässig.