241 Die Erfindung des klingenden Tiers: Auditives Wissen und technologische Herrschaft Christoph Maeder 1. Einleitung Wenn wir davon ausgehen, dass Kultur aus geteiltem Wissen besteht, das in Bedeutungssystemen organisiert ist, die ihrerseits das zugehörige soziale Han- deln anleiten, dann lässt sich die Frage stellen, wie ein solcher theoretischer Rahmen für die empirische Forschung fruchtbar gemacht werden kann, wenn wir uns mit der Sono- und Audiosphäre jenseits von Rede und Sprechen be- schäftigen wollen. In diesem Text möchte ich mich dieser Frage in einer wis- senssoziologischen Perspektive zuwenden. Dazu werde ich mich ethnogra- phisch mit einer auf den ersten Blick völlig aus der Zeit gekommenen, für mo- derne Stadtmenschen irrelevanten akustischen Praxis auseinandersetzen. Ich werde die Herstellung der Hörbarkeit von Tieren mittels Treicheln und Glo- cken auf der schweizerischen Alpweide als eine Sono- und Audiopraxis und als eine Wissenskultur in Anlehnung an Berger und Luckmann (1969) beschrei- ben. Dabei wird eine grundlegende technische Herrschaftsstruktur des Men- schen über das Tier erkennbar: Das muntere Klingen von Tierglocken im alpi- nen Feld wird als eine exemplarische „governmental soundscape“ (Maeder 2017) vorgestellt. Wie sich dabei zeigen wird, lassen sich aus diesen Beobach- tungsskizzen Verallgemeinerungspotentiale für die Bedeutung von auditivem, nichtsprachlichem Wissen in einem techniksoziologischen Sinn herleiten, deren Konsequenzen weit über das originäre Untersuchungsfeld hinaus ver- weisen. Oder anders gesagt: Eine auf den ersten Blick folkloristische anmutende Praxis wird als ein grundlegendes Muster zur Erzeugung von auditivem Wissen verständlich, das weit über die Audiosphäre hinausreicht. Die Implikationen der Beherrschung von, und die Folgen der Steuerung durch akustisches, aber nicht sprechend hervorgebrachtes Wissen mittels klin- gender Artefakte sind bei genauerer Betrachtung vielschichtig. Treicheln und Glocken bilden eine prototypische Wissens- und Erfahrungsstruktur des Hör- baren, die sich für viele funktionale (Spehr 2009), ästhetische und symbolische Zusammenhänge in der Gesellschaft als ein Modell anbietet (Augoyard/Torgue