Boris Previšić Literarische Erinnerungen an das Imperium als Utopie Die historische Zäsur des Ersten Weltkriegs Insbesondere in Zeiten von ethnischem Exklusivanspruch, von Nationali- sierung und Ausgrenzung des vermeintlich Fremden erinnert sich die Lite- ratur an vergangene Zeiten eines plurikulturellen und plurireligiösen Raums – der sich meist durch eine imperiale bzw. ‚postimperiale‘ Struktur aus- zeichnet. Gemeint ist beispielsweise zeitgenössische Kriegsliteratur, die sich mit dem übernationalen Jugoslawien und mit dessen Vorgängern, mit dem Osmanischen und Habsburgischen Reich beschäftigt und im Akt des Erin- nerns einen utopischen Fluchtpunkt entwickelt. Es ist geradezu symptoma- tisch, dass die Literatur für diese Transferleistung, in der das Erinnerte in eine bessere Zukunft projiziert wird, die historische Zäsur des (post)impe- rialen Zerfalls – wie die kriegerische Auflösung Jugoslawiens oder der unga- risch-österreichischen Monarchie – genau unter die Lupe nimmt. Die Mo- bilität wird dabei zu einem Charakteristikum erster Güte dieses verlorenen übernationalen, vielschichtig angelegten Großraums des ‚Imperiums‘. Exemplarisch kann dieser Sachverhalt in Dževad Karahasans Roman Sara i Serafina (1999) nachgezeichnet werden, in dem gleich drei historische Zäsuren, jene des Ersten und Zweiten Weltkriegs sowie des jüngsten Bosnienkriegs in den Blick geraten und verarbeitet werden. Die historische Vielschichtigkeit impliziert narrative Verfahren der Verschachtelung von Binnen- und Rah- menerzählungen und entsprechend multipler Perspektivierung. Zwar kom- pliziert diese doppelte historisch-narrative Vielschichtigkeit die ‚Utopisierung‘ der literarischen Erinnerung noch einmal, sie zeigt aber umso eindring- licher, mit welcher Konsequenz und Konstanz der mobile imperiale Raum zum Ausgangspunkt für eine literarische Utopie wird – was anhand der Werke von Józef Wittlin und Miloš Crnjanski (II), Alexander Lernet- Holenia (III) sowie Franz Theodor Csokor (IV), die sich ganz auf den Ersten Weltkrieg, auf die Schlusszäsur von Österreich-Ungarn, fokussieren, beson- ders deutlich wird. Hier zeigt sich, dass sich der eigentliche „Habsburgische Mythos“ erst nach dem Untergang des Reichs literarisch konstituiert. 1 Je 1 Zwar bildet das literarische Werk von Autoren wie Robert Musil, Franz Werfel, Joseph Roth und Heimito von Doderer den eigentlichen Ausgangspunkt von Claudio Magris Monographie; doch versucht er gleichzeitig, den von ihm propagierten My- thos bereits in der Literatur, die während der österreichisch-ungarischen Monarchie entstanden ist, zu orten. Wie Magris erklärt, versteht er den Mythos nicht nur als