Verkehrslärm, kardiovaskuläre Sterblichkeit, Diabetes, Schlaf störung und Belästigung Die SiRENE-Studie Prof. Dr. Martin Röösli a,b , Dr. Jean-Marc Wunderli c , PD Dr. Mark Brink d , Prof. Dr. Christian Cajochen e , Prof. Dr. Nicole Probst-Hensch a,b a Schweizerisches Tropen- und Public Health Institut, Basel; b Universität Basel, Basel; c Empa, Abteilung Akustik / Lärmminderung, Dübendorf; d Bundesamt für Umwelt, Abteilung Lärm & NIS, Bern; e Zentrum für Chronobiologie, Psychiatrisches Universitätsspital Basel, Basel Macht Lärm krank? Sind die Schweizer Grenzwerte für Strassen-, Bahn- und Flug- lärm noch aktuell? Schweizer Forscher haben den Zusammenhang zwischen Ver- kehrslärm und Lärmbelästigung, Schlaf, Kreislauf und Metabolismus untersucht. Hintergrund Lärm kann zu Belästigung und selbstberichteten Schlafstörungen führen [1]. In epidemiologischen Stu- dien ist Verkehrslärm mit einem erhöhten Risiko für kardiovaskuläre Erkrankungen, Diabetes, Depressio- nen bei Erwachsenen und kognitiven Beeinträchtigun- gen bei Kindern assoziiert [1]. Dennoch ist weitgehend unklar, wie akute und kurzfristige Auswirkungen einer Lärmbelastung schlussendlich zu langfristigen Gesund- heitsproblemen führen. Vor allem gibt es grosse Un- sicherheiten, ab welcher Schwelle Lärm gesundheits- schädlich ist respektive ob es eine solche Schwelle überhaupt gibt. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) schätzte, dass Umweltlärm in Westeuropa zum Verlust von 903 000 beschwerdefreien Lebensjahren (DALY) infolge lärmbedingter Schlafstörungen, 587 000 infolge Lärmbelästigungen, 61 000 infolge ischämi- scher Herzkrankheiten und 45 000 infolge kognitiver Beeinträchtigungen bei Kindern führt [2]. DALYs infolge lärminduzierten Diabetes wurden bisher noch nicht be- rechnet. Gemäss WHO treten Gesundheitsefekte ab 40 Dezibel (dB) in der Nacht und ab 45 dB am Tag auf [3]. In der Schweiz liegt der Immissionsgrenzwert für Ver- kehrslärm in der Nacht zwischen 45 dB (Empfndlich- keitsstufe 1) bis 60 dB (Empfndlichkeitsstufe 4). Am Tag sind die Grenzwerte jeweils 10 dB höher. Rund 20–25% der Schweizer Bevölkerung leben in Gebieten, in denen der jeweilige Grenzwert in der Nacht oder am Tag über- schritten ist. Lärm verursacht externe Kosten, die von der Allgemeinheit getragen werden und nicht bei den Verursachern anfallen. Pro Jahr werden die externen Gesundheitskosten in der Schweiz für Strassen-, Bahn- und Fluglärm auf rund 2,6 Milliarden Schweizer Fran- ken geschätzt [4]. SiRENE-Studie Das Umweltschutzgesetz fordert Lärmgrenzwerte die sicherstellen, dass nach dem «Stand der Wissenschaf oder der Erfahrung» Immissionen unterhalb dieser Werte die Bevölkerung in ihrem Wohlbefnden nicht er- heblich stören. Zur Aktualisierung des Wissensstandes über Lärmwirkungen wurde mit Unterstützung der Eid- genössischen Kommission für Lärmbekämpfung (EKLB) im Jahre 2013 die SiRENE-Studie («short and long term efects of transportation noise exposure») lanciert, die in mehreren Teilstudien die Wirkungen des Strassen-, Schienen- und Lufverkehrslärms auf Belästigung, Schlaf, Metabolismus (z.B. Diabeteserkrankungen) und kardiovaskuläre Erkrankungen sowie Sterblichkeit un- tersuchte [5]. Ein besonderer Fokus lag auch auf der sys- tematischen Analyse der Lärmcharakteristik, ob bei- spielsweise kontinuierlicher Lärm im Vergleich zu stark variierenden Lärmereignissen eine andere Wirkung hat. Weiter wurde evaluiert, welche Rollen individuelle Lärmempfndlichkeit und Lärmbelästigung, genetische Prädispositionen und andere Persönlichkeitsmerkmale bei gesundheitlichen Auswirkungen des Verkehrslärms spielen. In einer repräsentativen nach Lärmquelle und -pegel- klasse stratifzierten Zufallsstichprobe der Schweizer Bevölkerung wurde untersucht, wie stark die Ver- kehrslärmbelästigung durch die drei Verkehrslärm- quellen wahrgenommen wird und in welchem Ausmass selbstberichtete Schlafstörungen auf Verkehrslärm zu- rückzuführen sind. In zwei grossen laufenden epide- miologischen Studien (SAPALDIA-Kohorte und -Bio- bank sowie Schweizer Nationale Kohortenstudie [SNC]) wurde unter Berücksichtigung der Lufverschmutzung und teilweise anderer Faktoren wie Lebensstil und Bio- markern untersucht, wie sich die Lärmbelastung zu Hause langfristig auf das Herzkreislaufsystem und den Metabolismus auswirkt. Schliesslich wurden in einem Schlafaborexperiment freiwillige Probanden während sechs Nächten verschiedenen mit Lautsprechern wie- dergegebenen Lärmszenarien ausgesetzt und Efekte auf den polysomnographisch erfassten Schlaf, den Kreislauf (Blutdruck, Herzratenvariabilität etc.), den Metabolismus (Glukosetoleranz), endokrinologische P e e r r e v i e w e d a r t i c l e Martin Röösli Das Editorial zu diesem Artikel fnden Sie auf S. 71 in dieser Ausgabe. SWISS MEDICAL FORUM – SCHWEIZERISCHES MEDIZIN-FORUM 2019;19(5–6):77–82 ÜBERSICHTSARTIKEL 77 Published under the copyright license “Attribution – Non-Commercial – NoDerivatives 4.0”. No commercial reuse without permission. See: http://emh.ch/en/services/permissions.html