DZPhil, Akademie Verlag, 59 (2011) 3, 001–016 Perspektiven einer kritischen Philosophie der Neurowissenschaften Von JAN SLABY (Berlin) Seit der Etablierung nicht-invasiver bildgebender Verfahren wie der funktionellen Magnet- resonanztomographie (fMRT), die es erlauben, Stoffwechselprozesse im menschlichen Körper nahezu in Echtzeit abzubilden, sind die Neurowissenschaften auf der Überholspur. Kaum ein gesellschaftlicher Bereich scheint mehr vor seiner „Cerebralisierung“ sicher. Die bunten Bilder des Neuroimaging verheißen Einsichten, die lange unvorstellbar schienen: Ein objektiver Blick in das Gewirr der komplizierten organischen Abläufe, die das menschliche Denken, Wahrneh- men und Fühlen bedingen und (vermeintlich) die Grundlagen von Kultur, Sozialität und Gesell- schaft ausmachen. Es scheint sich eine Wissensquelle aufzutun, die zwar angesichts der Kom- plexität ihres Gegenstands und auf Grund technischer Beschränkungen vorerst nur verhalten sprudelt, aber auf lange Sicht sicherer und zuverlässiger über den Menschen aufklären wird als all das deutungsoffene, umstrittene, sich ständig unvorhersehbar wandelnde Orientierungswis- sen, das die organisierte menschliche Selbstverständigung bisher zu Wege gebracht hat. Wo Tra- dition, Spekulation, Stilisierung und ein ewiger Streit der Schulen und Deutungen herrschten, wird fortan belastbar objektives Wissen generiert – endlich Antworten und Anwendungen, nach Jahrhunderten des müßigen Fragens. Freiheit, Moral, Recht, Verbrechensbekämpfung, Medi- zin, Marketing, Erziehung, Partnerschaft, Lebensführung – es ist bereits schwieriger, Gebiete zu inden, die vom Neuro-Boom noch unberührt sind, als kulturelle Bereiche aufzuzählen, in denen wortreich von „tiefgreifenden Veränderungen“ als Folge der neurowissenschaftlichen Revolution die Rede ist (vgl. zum Beispiel Lynch 2009). Entsprechend enthusiastisch fällt die Rezeption der Hirnforschung bei einer wachsenden Zahl von Vertretern vormals den Naturwis- senschaften fern stehender Disziplinen aus, von der Sozial- und Politikwissenschaft über die Kunstgeschichte und Literaturwissenschaft bis hin zur Theologie. 1 Eine derart wirkmächtige Entwicklung verlangt nach kritischer Aufklärung. Doch Ver- suche, sich den sozialen, kognitiven und affektiven Neurowissenschaften (im Folgenden abgekürzt: SCAN) aus einer kritisch-philosophischen Perspektive zu nähern, stehen vor eini- gen Schwierigkeiten. Die Probleme betreffen die Größe und Komplexität des Feldes, das unübersichtliche Neben- und Ineinander von Stilisierungen, Übertreibungen und relevanten Einsichten, das hohe Veränderungstempo, die weitreichenden institutionellen Verzahnungen 1 Zu den boomenden Hybriddisziplinen wie der Neuroökonomie, der Neuroästhetik, der Neuro-Theo- logie und nicht zuletzt der Neurophilosophie sowie den so genannten „Neurocultures“ vgl. die Bei- träge in: Ortega u. Vidal (2010).