Schmerz 2008 · 22:191–206
DOI 10.1007/s00482-008-0648-6
Online publiziert: 21. März 2008
© Deutsche Gesellschaft zum Studium
des Schmerzes. Published by Springer
Medizin Verlag - all rights reserved 2008
S. Reiter-Theil
1
· T. Graf-Baumann
2
· K. Kutzer
3
· H.C. Müller-Busch
4
· R. Stutzki
1
·
H.C. Traue
5
· A. Willweber-Strumpf
6
· M. Zimmermann
7
· M. Zenz
8
1
Institut für Angewandte Ethik und Medizinethik, Medizinische
Fakultät der Universität Basel, Schweiz
2
Deutsche Gesellschaft zum Studium des Schmerzes,
Deutsche Schmerzgesellschaft (DGSS/DSG), Teningen
3
Vorsitzender Richter am Bundesgerichtshof in Karlsruhe a.D., Karlsbad-Spielberg
4
Abteilung für Anästhesiologie, Schmerztherapie und Palliativmedizin,
Gemeinschaftskrankenhaus Havelhöhe, Berlin
5
Sektion für Medizinische Psychologie, Medizinische Fakultät der Universität Ulm
6
Schmerzpsychotherapie, Bremen
7
Neuroscience & Pain Research Institute, Stiftung Rehabilitation Heidelberg
8
Klinik für Anästhesiologie, Intensiv-, Palliativ- und Schmerzmedizin,
Berufsgenossenschaftliches Universitätsklinikum Bergmannsheil GmbH, Bochum
Ethik-Charta der Deutschen
Gesellschaft zum Studium
des Schmerzes (DGSS)
Schmerzforum
Präambel
Mit der Ethik-Charta legt die DGSS ein
Dokument vor, das ethische Orientie-
rung in Grundsatzfragen und speziellen
Herausforderungen im Umgang mit
Schmerz bieten soll. Die Ethik-Charta
wendet sich an alle, die Schmerzen be-
handeln, an Schmerzen Leidende beglei-
ten oder selbst davon betroffen sind
. Die
DGSS hat sich mit der Ethik-Charta das
Ziel gesetzt, eine ethische Orientierung
für die Patientenbetreuung zu geben so-
wie Hilfestellungen, die auch die Fra-
ge betreffen, wie weit Maßnahmen ge-
gen den Schmerz gehen sollen und dür-
fen, wann welche Grenzen zu ziehen sind
und wie mit der Herausforderung um-
zugehen ist, wenn ein Patient oder eine
Patientin wegen Schmerzen nicht mehr
weiter leben will oder kann.
Die Behandlung von Schmerzen wird
als vordringliche Aufgabe für Ärzte, Psy-
1
Wir sprechen stets beide Geschlechter an,
auch wenn nur die männliche Form verwendet
wird.
chologen und Spezialisten aus zahlreichen
weiteren Fachgebieten angesehen. Gegen-
über einem traditionellen Verständnis
von Schmerz, das versucht, dem Schmerz
einen (höheren) Sinn zuzuschreiben oder
diesen als eine Empfindung ansieht, die
„ausgehalten werden muss“, erwarten Be-
troffene heute zu Recht therapeutische
Hilfe und Linderung (. Abb. 1). In die-
sem Bemühen hat die Medizin große
Fortschritte erzielt. Allerdings können
nicht alle Arten von Schmerz und Leiden,
besonders bei chronischen, aber auch bei
fortschreitenden und zum Tode führen-
den Erkrankungen, immer befriedigend
und ausreichend gut kontrolliert werden.
Wenn die Medizin an ihre Grenzen stößt,
sind wir mit schwierigen Fragen konfron-
tiert. Die Behandlung des Schmerzes – ge-
rade beim schwerkranken und sterbenden
Menschen – und weiterer Leidenszustände
wie quälende Unruhe, Verwirrtheit oder
Atemnot muss daher konsequent weiter
entwickelt werden. Hieraus leitet sich die
Forderung nach qualifizierter Forschung
und Verbesserung von Behandlungskon-
zepten in diesem Bereich ab.
Wenn Schmerzlinderung nur unbefrie-
digend gelingt, kann es zum Erleben von
Hoffnungslosigkeit, Verzweiflung und
Ohnmacht kommen; dies gilt für die lei-
denden Kranken, ihre Angehörigen, aber
auch die Behandelnden und Pflegenden.
Auch scheinbar einfache und selbst-
verständlich erscheinende Aufgaben der
Schmerzbehandlung weisen erhebliche
Defizite auf, so z. B. die Beseitigung des
postoperativen Schmerzes. Dieser gehört
keineswegs zwangsläufig zu jeder Opera-
tion, sondern ist vermeidbar. Postopera-
tiver Schmerz hat erhebliche negative Fol-
gen und muss daher konsequent behan-
delt werden.
Die Behandlung von Schmerzen ist
immer noch unzureichend, obwohl sehr
effiziente Mittel und Methoden zur Verfü-
gung stehen; dies hat verschiedene Ursa-
chen. Es sind vor allem Ausbildungsdefizi-
te – fehlende Pflichtvorlesungen und Prü-
fungen im Medizinstudium – sowie Lü-
cken in der Weiterbildung, die zu Unter-
und Fehlversorgung beitragen. Befürch-
tungen von Ärzten, bei Patienten durch
eine Schmerzbehandlung Sucht und Me-
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