Warum pendeln manche Migranten häufig zwischen Herkunfts- und Ankunftsregion? Eine empirische Untersuchung transnationaler Migration zwischen Mexiko und den USA Von Ludger Pries Zusammenfassung: Auf der Basis der Ausbildungs-, Wohn- und Erwerbsverläufe von 648 mexi- kanischen Arbeitsmigranten, die in New York City zumindest eine Beschäftigung angaben, sowie der Auswertung qualitativer Feldstudien und biographischer Interviews zeigen sich bei einem Teil der Befragten als ‚transnational‘ zu bezeichnende Migrationsmuster. Diese transnationalen Arbeits- migranten pendeln wiederholt zwischen beiden Ländern, wobei es sich jeweils um mehrjährige Arbeitsaufenthalte in den USA handelt. Diese Migranten sind keine ‚gescheiterten’ Einwanderer oder Rückkehrer, ihre Migrationsverläufe sind vielmehr Teil dichter transnationaler Familiennetz- werke. Die Auswertung der Lebensverläufe konzentriert sich auf die Erklärung der Anzahl der Lan- deswechsel durch personen-, familien-, zeit- und arbeitsbezogene Variablen. Die Befunde sind für das Verständnis von internationalen und hier besonders: von transnationalen Migrations- und In- korporationsprozessen sowie für die gesellschaftliche Gestaltung einer angemessenen Anerkennung und Integration von transnationalen Migranten von großer Bedeutung. Einleitung Seit den 1990er Jahren haben sich Studien zu Transnationalisierungsprozessen im Allgemeinen und zu transnationaler Migration im Besonderen zu einem wichtigen interdisziplinären For- schungsfeld entwickelt. Als Stärke dieser Untersuchungsperspektive wird dabei angesehen, dass Verflechtungsbeziehungen ins Zentrum der wissenschaftlichen Analyse gestellt werden, die nationalstaatliche Grenzen überschreiten und relativ dauerhaft und verdichtet sind. Nach Alejandro Portes et al. besteht dabei Konsens über das vor allem interessierende Phänomen, nämlich “a growing number of persons who live dual lives: speaking two languages, having homes in two countries, and making a living through continuous regular contact across national borders” (Portes et al. 1999: 217). Unstrittig ist auch, dass transnationale Migration durchaus kein völlig neues Phänomen ist, wohl aber die entsprechende Forschungsperspektive innovativ sei. Schließlich besteht in der Forschung weitgehend Konsens darüber, dass transnationale Migranten zwar eine quantitativ vergleichsweise kleine Gruppe innerhalb aller internationalen Migranten ausmachen, dass die ökonomischen, politischen, sozialen und kulturellen Wirkun- gen der ‚Transmigration’ jedoch wesentlich größer sind, als ihr rein zahlenmäßiges Gewicht zunächst vermuten lässt (Portes 2003; Faist 2000 a und b; Pries 2005 a). Die Forschung zu transnationaler Migration wird bisher gröβtenteils von qualitativen Feld- und Fallstudien dominiert, die sich in den 1990er Jahren zunächst darauf konzentrierten, die Existenz transnationaler Migrationswirklichkeiten nachzuweisen (Kearney / Nagengast 1989; Smith 1997 und 2005; Goldring 1996, 1997 und 2001; Portes 1996; Basch et al. 1997; Weiß 2005; Lucassen 2006). Sowohl hinsichtlich des tatsächlichen Verbreitungsgrades von trans- nationalen Migranten als auch der Faktoren, die das Entstehen und die Stabilität transnationaler Migration beeinflussen, besteht ein großer Bedarf an repräsentativen oder zumindest mit grö- ßeren Fallzahlen operierenden Studien. So schlugen Portes et al. (1999) vor, sich in der wei- teren Forschung auf drei Aufgaben zu konzentrieren: (1) die quantitative Verbreitung von Transmigranten in gegebenen Migrantenpopulationen genauer zu erfassen, (2) nur solche Phä- nomene als transnationale Migration zu benennen, die nicht durch andere, bereits bewährte 1. Soziale Welt 61 (2010), S. 69 – 88 https://doi.org/10.5771/0038-6073-2010-1-69 Generiert durch IP '54.70.40.11', am 07.12.2018, 14:14:29. Das Erstellen und Weitergeben von Kopien dieses PDFs ist nicht zulässig.