Schmerz 2010 · 24:236–250 DOI 10.1007/s00482-010-0920-4 Online publiziert: 13. Mai 2010 © Deutsche Gesellschaft zum Studium des Schmerzes. Published by Springer Medizin Verlag - all rights reserved 2010 J. Wager 1 · A.-L. Tietze 1 · H. Denecke 1 · S. Schroeder 1 · S. Vocks 2 · J. Kosfelder 3 · B. Zernikow 1 · T. Hechler 1 1 Vodafone Stiftungsinstitut und Lehrstuhl für Kinderschmerztherapie und Pädiatrische Palliativmedizin, Vestische Kinder- und Jugendklinik Datteln, Universität Witten/Herdecke, Datteln 2 Arbeitseinheit Klinische Psychologie und Psychotherapie, Ruhr-Universität Bochum 3 Fachbereich Psychologie, Fachhochschule Düsseldorf Schmerzempfindung bei Jugendlichen mit chronischen funktionellen Schmerzen Adaptation und psychometrische Überprüfung der Schmerzempfindungs- skala (SES) nach Geissner Originalien Hintergrund und Fragestellung Schmerz ist eine individuelle, subjektive Erfahrung [6, 51]. An der Verarbeitung von Schmerzreizen sind viele verschie- dene Areale des zentralen Nervensystems beteiligt; neben somatosensorischen Ge- bieten auch emotionale Areale, wie z. B. das limbische System [37, 44]. Somit ist Schmerz nicht nur eine rein sensorische Wahrnehmung, sondern er besitzt auch eine emotionale Komponente. Dies wird in der Schmerzdefinition der Internatio- nalen Gesellschaft zum Studium des Schmerzes (IASP) deutlich [28]. Nach IASP-Definition ist Schmerz „ein unan- genehmes Sinnes- und Gefühlserlebnis, das mit aktueller oder potenzieller Ge- websschädigung verknüpft ist oder mit Begriffen einer solchen Schädigung be- schrieben wird“ (deutsche Übersetzung: [45]). Die individuelle Empfindung des Schmerzes mit seinen sensorischen und affektiven Komponenten ist ein wichtiger Bestandteil der umfassenden Erhebung des multidimensionalen Schmerzgesche- hens [31]. Schmerzempfindung wird zu- meist durch die Beschreibung der indi- viduellen Wahrnehmung operationali- siert [19]. Die Erfassung der Schmerzempfin- dung ist insbesondere im Erwachsenen- bereich erforscht. Sie gliedert sich übli- cherweise in die Erhebung der subjek- tiven Schmerzintensität und der Qualität des Schmerzes, der eigentlichen Schmerz- empfindung [19]. Sensorische Schmerz- qualität wird beispielsweise beschrieben durch Charakteristika wie die wahrge- nommene Rhythmik des Schmerzreizes oder thermische Eigenschaften. Die affek- tive Komponente des Schmerzes kann be- schrieben werden durch Worte wie „ent- nervend“, „furchtbar“ etc. und gibt Hin- weise auf die psychische Belastung, die der Schmerz darstellt, und das damit ver- bundene Leiden des Schmerzpatienten [19, 38]. Erwachsene Patienten beschreiben ih- re persönliche Schmerzwahrnehmung anhand von Adjektiven, indem sie an- geben, ob bzw. wie gut der jeweilige Be- griff ihr Schmerzempfinden widerspiegelt (. Tab. 1 gibt eine Übersicht der existie- renden Messinstrumente). Je nach Mess- instrument unterscheiden sich diese Wort- listen inhaltlich bezüglich der gewählten Adjektive, bezüglich der Länge des Frage- bogens (12–78 Items) sowie des Antwort- skalenniveaus (dichotom vs. mehrstufig). Im angloamerikanischen Sprachraum sind der McGill-Schmerzfragebogen (MPQ) mit 78 Items und seine Kurzform mit 15 Items [35, 36] die im Erwachsenen- bereich am weitesten verbreiteten Instru- mente zur Erfassung der Schmerzempfin- dung [11, 35, 55]. Der MPQ erfasst senso- rische, affektive und evaluative Schmerz- qualitäten [35]. Obwohl in den Empfehlungen zur um- fassenden Erhebung des akuten Schmerz- geschehens im pädiatrischen Bereich aus- drücklich auf die Erfassung der affektiven Komponente des Schmerzes hingewiesen [33] wird, existiert bis dato kein deutsch- sprachiges Messinstrument zur Erfassung der Schmerzempfindung bei Kindern und Jugendlichen. Die . Tab. 2 stellt 2 der existierenden englischsprachigen Mess- instrumente für diese Altersgruppe vor. Diese beiden Instrumente – der Varni/ Thompson Pediatric Pain Questionnaire (PPQ; [52]) sowie der Adolescent Pedia- tric Pain Tool (APPT; [43]) – orientieren sich konzeptionell am MPQ von Melzack [35] und ordnen Items ebenfalls dem sen- sorischen, affektiven und evaluativen Schmerzerleben zu. Kinder und Jugend- liche geben durch Auswahl der entspre- chenden Adjektive an, welche Worte am 236 | Der Schmerz 3 · 2010