55 Blätter der Wohlfahrtspflege 2/2009 Thema Der Fall entsteht im Gespräch Theoriebildung narrativ reflexiver Beratung als Aufgabe Sozialer Arbeit Ulrike Loch und Heidrun Schulze Im Erzählen teilen Klientinnen und Klien- ten ihre Lebensgeschichte und die sie be- drückenden Probleme mit. Für die profes- sionelle Gesprächsführung sind diese Er- zählungen bedeutsam, da sie sowohl Fakten vermitteln als auch das Selbstver- ständnis und die Sichtweise der betroffe- nen Personen. Forschung und Praxis sind durch unter- schiedliche Rahmenbedingungen charak- terisiert. Während Forschung meist hand- lungsentlastet realisiert wird, besteht in der Praxis in der Regel Handlungsdruck oder zumindest die Erwartung nach Handlungsfähigkeit. Trotz dieser unter- schiedlichen Rahmungen wird im Folgen- den dargestellt, wie methodologische Überlegungen der rekonstruktiven Sozial- forschung mit der daraus entwickelten er- kenntnistheoretischen Haltung und deren methodische Umsetzung für einen Trans- fer in die Beratungspraxis der Sozialer Ar- beit nutzbar gemacht werden können. Die Autorinnen halten die daraus resul- tierende Grundhaltung des unvoreinge- nommen Blickes, der ethnografischen Er- kenntnishaltung und des offenen, zu- gleich reflexiven Einlassens auf alltägliche Erzählungen und auf biografische Einzig- artigkeiten für eine Möglichkeit, eine par- tizipative Verständigungsarbeit in allen Handlungsfeldern der Sozialen Arbeit zu gestalten. Da in beiden Kontexten, ob in der For- schung oder in der Praxis, die Sprache in ihrer subjektiven und intersubjektiven Be- deutungskonstitution im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit steht, stellt eine herme- neutische und rekonstruktive Grundhal- tung nicht nur eine nützliche Erkenntni- sperspektive, sondern auch eine überall einzusetzende Gesprächshaltung bei der Gestaltung institutionell gerahmter Inter- aktionen dar. Grundlegend für die narrativ reflexive Beratung ist die systematische Berück- sichtigung der Perspektiven der Erzählen- den innerhalb eines Beratungsprozesses verbunden mit theoretisch (interdiszipli- när-) fachlicher Positionierung, (sozial-) politischer Parteilichkeit sowie einer me- thodisch fundierten Offenheit. Beim Er- zählen treten Wirklichkeitserfahrungen und deren sinnstiftende Aktivitäten in Be- zug auf Bewältigen und Organisieren des Lebens durch die erzählenden Subjekte in den Vordergrund. Damit verabschiedet sich ein auf Er- zählrekonstruktionen basierendes profes- sionelles Handeln von fachlichen und dis- ziplinären Paradigmen, deren Wissens- kontexte nicht auf Erarbeitungen in der Beratungssituation, sondern auf Etikettie- rungen und Essentialisierungen verwei- sen. Sozialpolitisch formuliert ist die nar- rative Beratung Ausdruck des methodo- logisch fundierten Respekts vor dem Eigensinn eines jeden Menschen und vor der Einzigartigkeit seiner oder ihrer »Le- bens-Geschichte«. Jede Erzählung ist ein- zigartig und kollektiv zugleich, da sie auf Erlebnisse, Erfahrungen oder Konstruk- tionen verweist, die immer auch durch zurückliegende kollektivgeschichtliche Entwicklungen beeinflusst sind. Soziale Arbeit fordert gesellschaftlich anerkannte Erzählräume, in denen Men- schen ihre Stimme erheben können, ihre Erfahrungen erzählen können und dabei Anerkennung finden. Narrativ reflexive Beratung schafft solche Artikulationsräu- me und hält diese methodisch reflektiert aufrecht, um Menschen in ihrer Exper- tenschaft bezüglich ihres eigenen Lebens zu unterstützen. Professionelles Ziel ist dabei, Selbstbestimmungsprozesse zu unterstützen. Grundlegend zur Erreichung dieses Zieles ist die methodisch fundierte, offene Aufmerksamkeitslenkung der Beratenden auf die Erzählungen der Adressaten und auf die Interaktionsgestaltung, wie sie in der interaktionistischen Forschungstradi- tion methodologisch begründet (vgl. bei- spielsweise Strauss 1968) und in der nar- rativen Gesprächsführung für die Biogra- fieforschung methodisch umgesetzt Ass.-Prof. Dr. Ulrike Loch ist Hochschullehrerin für Sozialpädagogik der Lebensalter an der Alpen-Adria Universität Klagenfurt. E-Mail Ulrike.Loch@uni-klu.ac.at Prof. Dr. Heidrun Schulze ist Hochschullehrerin an der Fachhochschule Wiesbaden. E-Mail schulze@sozialwesen.fh-wiesbaden.de https://doi.org/10.5771/0340-8574-2009-2-55 Generiert durch IP '52.71.253.135', am 22.02.2022, 21:59:35. Das Erstellen und Weitergeben von Kopien dieses PDFs ist nicht zulässig.