Antibiotika: die wichtigste medizinische Entdeckung des
20. Jahrhunderts
Antibiotics: The Most Important Discovery in Medicine of the 20th Century
Korrespondenzadresse
Prof. Dr. med. Claus F. Vogelmeier
Klinik für Innere Medizin mit Schwerpunkt Pneumologie,
Intensiv- und Schlafmedizin
UKGM, Standort Marburg, Baldingerstraße, 35043 Marburg
Claus.Vogelmeier@med.uni-marburg.de
Bibliografie
DOI https://doi.org/10.1055/a-0606-1729
Dtsch Med Wochenschr 2018; 143: 1057
© Georg Thieme Verlag KG, Stuttgart · New York
ISSN 0012-0472
Vielfach wird die 1910 erfolgte Einführung von Arsphenamin
durch Paul Ehrlich als der Beginn der Antibiotika-Ära angesehen.
Diese Substanz wirkte aber nur gegen Spirochäten. Die Ent-
deckung des Penicillins durch Alexander Fleming im Jahr 1928 ist
sicher eines der wichtigsten Ereignisse der Medizin des 20. Jahr-
hunderts [1]. Die mit Penicillin erzielten Therapieerfolge waren
der Auslöser für die Entwicklung einer Vielzahl weiterer antibakte-
riell wirkender Substanzen.
Ungefähr 100 Jahre nach Beginn des Einsatzes von Antibiotika
in der Medizin sind durch Bakterien ausgelöste Erkrankungen im-
mer noch nicht besiegt. Hierfür sind u. a. folgende Faktoren von
Relevanz: Es werden im Alltag viel zu häufig Antibiotika eingesetzt
[2]. Die klassische Fehlindikation ist der banale Infekt der oberen
Atemwege. Dieser unnötige Einsatz wird als mögliche Ursache für
die Ausbildung von Resistenzen angesehen. Weiter sind in den
letzten Jahren kaum noch neue Antibiotika zugelassen worden
[3]. Einer der dafür aufgeführten Gründe ist die mangelnde Renta-
bilität der Entwicklung derartiger Medikamente aus Sicht der Her-
steller. Darüber hinaus sind Kliniken in mehrfacher Hinsicht ein
problematischer Ort bezüglich bakterieller Infektionen. So brin-
gen Patienten oft Keime mit ins Krankenhaus (z. B. MRSA), die für
andere eine Bedrohung darstellen. Andererseits können in Klini-
ken unter Umständen bestimmte Keime gegen viele Antibiotika
resistent werden (z. B. Pseudomonaden) [4]. Daneben nimmt die
Zahl der Patienten zu, bei denen es im Zusammenhang mit dem
Einsatz von Antibiotika Besonderes zu beachten gilt. Dazu zählen:
▪ Patienten, die mit Immunsuppressiva behandelt werden und
damit für schwere Infektionen empfänglich sind,
▪ Patienten mit Obesitas, weil es hier u. a. große Unsicherheiten
bzgl. der adäquaten Dosierung gibt und
▪ alte Menschen, da aufgrund von eingeschränkten Organfunk-
tionen nicht nur die Infektion schwerer verlaufen kann, son-
dern auch die potenziellen unerwünschten Effekte von Anti-
biotika eine größere Rolle spielen können [5].
Dabei gibt es je nach Substanz ein breites Spektrum möglicher
Probleme, von einer Clostridieninfektion [6] über eine Nierenin-
suffizienz bis zu einer Tendinopathie. Deshalb ist bei älteren Men-
schen die Entscheidung zur und die Auswahl sowie die Dosierung
der Antibiotikatherapie besonders sorgfältig zu erwägen. Dies gilt
insbesondere unter den Bedingungen der Intensivmedizin, da
dort behandelte Patienten typischerweise relevante Veränderun-
gen der Funktion mehrerer Organe aufweisen.
Literatur
[1] Fleming A. Classics in infectious diseases: on the antibacterial action of
cultures of a penicillium, with special reference to their use in the isola-
tion of B. influenzae by Alexander Fleming, Reprinted from the Br J Exp
Pathol 1929; 10: 226 – 236. Rev Infect Dis 1980: 129 – 139
[2] Dyar OJ, Obua C, Chandy S et al. Using antibiotics responsibly: are we
there yet? Future Microbiol 2016; 11: 1057 – 1071
[3] Freire-Moran L, Aronsson B, Manz C, ECDC-EMA Working Group et al.
Critical shortage of new antibiotics in development against multidrug-
resistant bacteria-Time to react is now. Drug Resist Updat 2011; 14:
118 – 124
[4] Medina E, Pieper DH. Tackling Threats and Future Problems of Multi-
drug-Resistant Bacteria. Curr Top Microbiol Immunol 2016; 398: 3 – 33
[5] Heppner HJ, Walger P. Sinnvoller Antibiotikaeinsatz beim älteren Men-
schen. Dtsch Med Wochenschr 2018; 143: 1070 – 1074
[6] Moore SC. Clostridium difficile: More Challenging than Ever. Crit Care
Nurs Clin North Am 2018; 30: 41 – 53
Prof. Dr. med. Claus F. Vogelmeier
Editorial
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Vogelmeier CF. Antibiotika: die wichtigste… Dtsch Med Wochenschr 2018; 143: 1057
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