288 Rezensionen von Wissenschaftlern, sondern auch Objektbezie- hungen in nicht-wissenschaftlichen Berufen und im Freizeitbereich. Als generelles Prinzip würde objektbezogene Sozialität eine postsoziale Wis- sensgesellschaft kennzeichnen, die nicht länger auf die Macht geteilter Traditionen und die Inte- gration über Normen und Werte setzen kann. Die Perspektive, die die Autorin hier vertritt, setzt sich deutlich gegen Positionen ab, die in modernen wissensbasierten Gesellschaften primär ein An- wachsen von Entfremdung, Gefahr, Überforde- rung und Unsicherheit sehen. Eine mittlerweile eher geläufige, wenn auch nicht unberechtigte Kritik liegt in dem Beitrag von Ilja SRUBAR vor. Er wirft dem Konzept der Wis- sensgesellschaft, wie es Peter DRUCKER und Mi- chael GIBBONS formuliert haben, eine Konzentra- tion auf unmittelbar anwendbares und zu ver- marktendes Wissen vor, die die Autonomie des Wissenschaftssystems und damit auch die für eine Wissensgesellschaft eigentlich notwendige Ent- wicklung von Alternativen verhindert. Sein Fazit: „Die ‚Wissensgesellschaft’ ist durch diese Ten- denzen dabei, sich von der Basis ihrer Wis- sensproduktion abzuschnüren“ (S. 152). Mancher Leser wird in dem unmittelbar darauf folgenden Beitrag von Ulf MATTHIESEN (Leiter der For- schungsabteilung für Wissensmilieus und Raum- strukturen an einem außeruniversitären Institut in Brandenburg) ein Beispiel dafür sehen wollen, wie Auftragsforschung Inhalt und Präsentation von wissenschaftlichen Texten bestimmen kann. – Dass die übrigen, durchaus lesenswerten Beiträge des Bandes eher mittelbar auf das Thema Wissensge- sellschaft bezogen sind und erkennbar aus dem je- weiligen Forschungskontext der Autoren stammen, ist bei Sammelbänden nicht ungewöhnlich. Auch die Herausgeber bzw. Autoren der beiden anderen Titel bemühen den – kritisierten – Begriff der Wissensgesellschaft, um ihre mehr oder weniger unabhängig von dieser Konzeption erarbeiteten Po- sitionen darzustellen. „Wissensgesellschaft“ erweist sich damit als offensichtlich immer noch Aufmerk- samkeit versprechender Begriff, unter dem auch Autoren, die lieber von der Informations- oder Me- diengesellschaft, von der spätkapitalistischen Indus- triegesellschaft oder von der Unwissensgesellschaft sprechen wollen, die unterschiedlichsten Erschei- nungsformen gegenwärtiger Gesellschaften be- schreiben, reflektieren und kritisieren. Anschrift der Rezensentin: Prof. Dr. Sigrid Nolda, Universität Dortmund, Fachbereich Erziehungs- wissenschaft und Soziologie, Emil-Figge-Str. 50, 44227 Dortmund; Telefon: (0231) 755-4175, Fax: (0231) 755-6528, E-Mail: SNolda@fb12.uni- dortmund.de Rezension zu: Richard van Dülmen/Sina Rauschenbach (Hrsg.): Macht des Wissens. Die Entstehung der modernen Wissensgesellschaft. Köln: Böhlau 2004. 742 S. ISBN 3-412-13303-5. Preis: 64,90 €. Nicht nur zur Gesellschaftsdiagnose, sondern auch zur Begründung aktueller Veränderungen der päd- agogischen Praxis erfreut sich das Konzept der Wis- sensgesellschaft gegenwärtig außerordentlicher Be- liebtheit. Dabei mangelt es weder an politischen Programmschriften noch an empirischen Detailstu- dien, in denen einzelne Momente und Veränderun- gen des Stellenwerts von und des Umgangs mit Wis- sen in den verschiedensten gesellschaftlichen und auch pädagogischen Kontexten untersucht werden. Selten aber finden sich Bücher, die das Phänomen der Wissensgesellschaft so facettenreich beschrei- ben, wie es dem vorliegenden Band gelungen ist. Der von Richard VAN DÜLMEN (†) und Sina RAUSCHENBACH herausgegebene Band widmet sich dem Thema Wissensgesellschaft in einer his- torischen Betrachtung. Das Buch intendiert, der Entstehung der Wissensgesellschaft auf die Spur zu kommen, das Thema „in der entscheidenden Formierungsphase der modernen Wissenschaft von der Mitte des 15. bis ins frühe 19. Jahrhundert zu verfolgen und in einer allgemein verständlichen Darstellung seine verschiedenen Aspekte und Fa- cetten zu eröffnen“ (Einleitung, S. 1). Zur Darlegung der Komplexität der Wissens- formen sowie der Einbindung der Wissensproduk- tion und -legitimation in soziale, auch machtpoliti- sche Zusammenhänge haben die Herausgeber Beiträge zusammengestellt, die von der Zeit der Renaissance (1450–1580) über das Zeitalter der