Diversität und Erinnerung: Zur Auseinandersetzung um die Konsequenzen des kolonialen Völkermordes (1904-1908) in Namibia 1 Reinhart Kößler Einführung Das Eingeständnis seitens der offiziellen deutschen Politik, dass die kaiser- liche Schutztruppe im heutigen Namibia in den Jahren 1904 bis 1908 einen Völkermord begangen hatte, und die Entscheidung, dieses Gesche- hen auch so zu bezeichnen, kam im Juli 2015 spät, schien aber die Chance zu eröffnen, einen lange schwelenden Konflikt konstruktiv zu bearbeiten. Dieser Konflikt betrifft eine komplexe, postkoloniale und transnationale Beziehung, die sich an ihren beiden Polen – in Namibia und in Deutsch- land – in unterschiedlicher Weise, aber inzwischen eng aufeinander bezo- gen artikuliert. Über zwei Jahre nach dem offiziellen deutschen Schwenk muss eher von Barrieren gesprochen werden, als dass eine Lösung näher gerückt wäre (vgl. Kößler/Melber 2018). Während es absehbar war, dass die Modalitäten einer deutschen Entschuldigung und deren Konsequenzen – im weitesten Sinne Wiedergutmachung – zu Kontroversen führen würden, sind zusätz- lich vor allem innernamibische Konfliktlinien aufgetreten. Wie ich im Fol- genden zeigen möchte, sind diese Brüche über den aktuellen Anlass hinaus von Bedeutung, weil sie grundlegende Probleme postkolonialer Staatlich- keit zumal in Afrika pointiert aufwerfen. Dabei geht es in erster Linie um die im gegebenen Fall stark gegenläufigen Ansprüche nationaler Einheit und Souveränität einerseits und um die Konsequenzen deutlicher regiona- ler, zunehmend ethnisch kodierter Unterschiede andererseits. Dem ent- sprechen zugleich unterschiedliche Handlungslogiken. Sie kommen zum Ausdruck in klar divergierenden historischen Narrativen. Anders als in Deutschland, wo die eigene Vergangenheit als Kolonial- macht weitgehend vergessen ist, war der von der deutschen Schutztruppe 1. 1 Der Text gibt die Faktenlage zum Zeitpunkt der Niederschrift der Erstfassung En- de 2017 wieder und wurde im Januar 2020 leicht aktualisiert. 165 https://doi.org/10.5771/9783748906681-165 Generiert durch IP '207.241.231.83', am 12.12.2020, 05:22:05. Das Erstellen und Weitergeben von Kopien dieses PDFs ist nicht zulässig.