Spiele des Zufalls und der Emergenz DIETER MERSCH (POTSDAM) 1. Orte des Spiels „Man kann sagen, der Begriff ‚Spiel‘ ist ein Begriff mit verschwommenen Rän- dern.“ 1 Seine Pluralität fügt sich nach Ludwig Wittgenstein keiner scharfen Be- stimmbarkeit. Gleichwohl nimmt Spielen innerhalb kultureller Prozesse eine zentrale Stellung ein. Nicht unmittelbar als Medium ansprechbar, gehören Spiele vielmehr der Sphäre der Praxis an. Dies weist sie von vornherein aus dem Bereich der Natur in die Metapher. Ludwig Wittgenstein hat deshalb nicht umsonst den Spielbegriff mit dem der Sprache zusammengedacht. Sprachspiele fungieren bei ihm als Vergleichsobjekte, die nicht schon Erklärungen bilden, vielmehr suchen sie an Sprache etwas sichtbar zu machen, was wir mit Spielen assoziieren, wie umge- kehrt durch die Sprache etwas an Spielen hervortritt, was für diese charakteristisch erscheint: ihre Fundierung in Kreativität sowie in Produktionsbedingungen, die ihren Ort im praktischen Gebrauch und nicht in den Zeichen, den Figuren oder „Spielsteinen“ besitzen. Spielen kann demnach vielerlei bedeuten. Es gibt teleologische Spiele, die auf Gewinn und Erfolg ausgerichtet sind, agonale Spiele wie Wettkämpfe, Ratespiele, die Wissen testen, fiktionale Spiele oder das Fort-da Sigmund Freuds sowie sym- bolische Rituale und Kinderspiele oder Theater, Schauspiel und Witz, aber auch die ohne Absicht entstandenen und lediglich auflesbaren ludi naturae, die wie das Spiel des Lichts auf der Wasseroberfläche mit dem Kontingenten und Akausalen in Verbindung gebracht werden können. 2 Ludus, ludere im Lateinischen, play und game im Englischen sowie Spiel im Deutschen, darauf hat besonders Hans-Georg Gadamer in Wahrheit und Methode aufmerksam gemacht, beziehen ihre etymo- logischen Wurzeln gleichermaßen aus den Bewegungen der Musik und des Tanzes, wie aus der Unterhaltung in allen Konnotationen der Teilnahme und Kommu- nikation. 3 Von vornherein ist damit die Differenz zwischen zwei grundlegenden Funktionen des Spiels angesprochen: der Vollzug (Performanz) und die Gemein- 1 Ludwig Wittgenstein, Ludwig Wittgenstein, Philosophische Untersuchungen, Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1971, § 71, S. 50. 2 Zum Begriff der Kontingenz vgl. Dieter Mersch, „Kontingenz, Zufall und ästhetisches Er- Zum Begriff der Kontingenz vgl. Dieter Mersch, „Kontingenz, Zufall und ästhetisches Er- eignis“, in: Gestalten der Kontingenz, Hrsg. v. Jörg Huber Philipp Stoellger, T:G 06, Zürich: Voldemeer 2008, S. 23–38. 3 Hans-Georg Gadamer, Hans-Georg Gadamer, Wahrheit und Methode, Tübingen: Mohr Siebeck 3 1960, S. 97ff. Spiele_Maske.indb 19 09.12.2008 15:25:25