10 Das Thema der Tagung, die der vorliegende Band dokumentiert, ist Ausdruck einschneidender Veränderungen, die Europa und das Denkmalverständnis in den letzten Jahrzehnten erfahren ha- ben. Die im Europäischen Kulturerbejahr 2018 zum Auftakt des European Cultural Heritage Summit in Berlin ausgerichtete inter- nationale Konferenz Eiserner Vorhang und Grünes Band. Netz- werke und Kooperationsmöglichkeiten in einer europäischen Grenzlandschaft war einem Kapitel und Erbe der Nachkriegs- vergangenheit gewidmet, das maßgeblich das heutige Bild und Bewusstsein europäischer Integration und Identität mitbestimmt. Als der Europarat für 1975 das Europäische Denkmalschutz- jahr (im Englischen mit European Architectural Heritage Year und auf Französisch Année Européenne du Patrimoine Archi- tectural überschrieben) proklamierte, war die politische Land- karte noch von der Spaltung durch den Eisernen Vorhang, vom Ost-West-Gegensatz und dem Wettstreit unversöhnlicher Sys- teme gekennzeichnet. Und der Denkmalbegrif, dessen Erwei- terung ins Städtebauliche und Alltagskulturelle das Themenjahr 1975 einläuten sollte, war von der Fokussierung auf Bau- und Kunstdenkmale geprägt. 30 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs gehörten dem Europarat Mitte der 1970er Jahre erst 18 Staaten an, in der Mehrzahl aus West- und Nord- sowie aus Südeuropa; die ibe- rische Halbinsel war in der 1948 gegründeten internationalen Organisation noch nicht vertreten, erst recht nicht die Staaten aus Mittel- und Osteuropa. Unter dem Motto Eine Zukunft für unsere Vergangenheit entfaltete das Denkmaljahr eine unerhör- te internationale Strahlkraft, die sogar über den europäischen Kontinent hinaus reichte, aber im Baltikum, auf dem Balkan und im weitläufgen östlichen Europa, abgeschirmt durch den Eisernen Vorhang, nur mittelbar zur Geltung kam. Die 1989/90 angebrochene Zeitenwende und die aufgekom- mene Vorstellung von einem gemeinsamen europäischen Haus haben einen neuen Blick auf das europäische Nachkriegserbe eröfnet. Neue Möglichkeiten der Aneignung taten sich auf, die auch neue Kooperationsformen zulassen, ja erfordern. Die 1989 einsetzende Öfnung und der Fall des Eisernen Vorhangs haben Relikte und Verlauf des historischen Todesstreifens euro- paweit zunehmend zum Gegenstand von grenz- und fachüber- greifenden Schutzbestrebungen werden lassen. Die bereits 1989 entworfene kühne Vision eines Grünen Bandes, das den innerdeutschen Grenzverlauf des Kalten Krie- ges als einen möglichen Schonraum der Natur und als erhaltens- werte Erinnerungslandschaft proklamierte, bildete den Auftakt zu einer radikalen Umwertung des Todesstreifens und seiner Neudefnition als Kooperationszone zwischen Ost und West. Die 2003 gestartete Weiterentwicklung der bundesdeutschen zu einer pan-europäischen Initiative Grünes Band Europa so- wie der etwa gleichzeitig aufgenommene Ausbau des Berliner Editorial - Von der Konfrontation zur Kooperation Mauer-Grünzugs zu einem Grünen Band Berlin und ein Jahr- zehnt später die Gründung der European Green Belt Association markieren weitere Stationen dieser außergewöhnlichen Erfolgs- geschichte. Das in Anlehnung an den Berliner Mauerweg entwi- ckelte Projekt eines als Iron Curtain Trail kommunizierten eu- ropäischen Radfernwegs und seine 2019 erfolgte Zertifzierung als Europäische Kulturroute (Cultural Route of the Council of Europe) haben einen entscheidenden Beitrag zur Erschließung der historischen und ökologischen Dimension des Grünen Ban- des und zur Popularisierung des Erhaltungsanliegens geleistet. Ungleich weniger kohärent und konsensual entwickelten sich die kulturhistorische Thematisierung der Grenzanlagen und die Formulierung eines Erhaltungsauftrags aus Sicht von Kon- servatoren und Archäologen. Nicht nur in Berlin, sondern bun- desweit und in den östlichen Nachbarstaaten standen das Erbe des Grenzregiments des Kalten Krieges und die nach 1989/90 einsetzende Mauerdenkmalpfege für ein höchst brisantes Kon- fiktfeld. Eine Schlüsselrolle auf dem Weg zu mehr Denkmal- akzeptanz für die Zeugnisse der Gewaltherrschaft durch Mauer, Stacheldraht und Schießbefehl kam in Berlin und Deutschland dem Deutschen Nationalkomitee für Denkmalschutz 2009 zu, das mit Tagungen und Veröfentlichungen anlässlich der 20-jäh- rigen Wiederkehr der Öfnung des Eisernen Vorhangs dieses un- demokratische und unbequeme Erbe thematisierte. Die 2011 erfolgte Verleihung des Europäischen Kulturerbe- siegels an zwölf Denkmale und Stätten des Eisernen Vorhangs in sieben Bundesländern und vier Jahre später an den ungarischen Gedenkpark Paneuropäisches Picknick bei Sopron haben an das unmenschliche Grenzregime erinnert und die epochale Leistung seiner Überwindung gewürdigt. Dabei wird immer auch an die authentischen Grenzrelikte erinnert. Der Wechselwirkung von historischen Grenzverläufen als Konfrontations- und Kontakt- räumen war auch das wissenschaftliche Symposium gewidmet, das ICOMOS 2017 unter dem Titel Border Areas – Encounter Areas: Neighbourhood Conficts and Neighbourhood Co-ope- rations in Europe ausgerichtet und publiziert hat. Nicht zuletzt aber hat die bereits 2011 erfolgte Eintragung von 15 Text-, Foto- und Filmdokumenten aus den Jahren 1961 bis 1990 in das UNESCO-Register Memory of the World – MOW unter dem Titel Construction and Fall of the Berlin Wall and the Two-Plus- Four-Treaty of 1990 die Aufarbeitung und Vermittlung dieses dunklen Kapitels der jüngeren Geschichte Europas befördert. Einen ersten systematischeren Versuch der Zusammenschau von Natur- und Kulturerbestätten und -werten im Grenzver- lauf des ehemaligen Eisernen Vorhangs unternahm wohl die im Auftrag des deutschen Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit für das Bundesamt für Naturschutz entstandene Machbarkeitsstudie zu einer Welt- erbenominierung des Grünen Bandes, die 2014 vorgelegt wur-