Artikel Motive der Wirtschaftskriminalität Ergebnisse einer quantitativen und qualitativen Studie 1 von Thomas Cleff, Gabriele Naderer und Jürgen Volkert Zusammenfassung Der vorliegende Beitrag skizziert zunächst die Bedeutung von Wirtschaftskriminalität aus Sicht der deutschen Unternehmen sowie den derzeitigen Forschungsstand zu den Ursachen von Wirtschaftskri- minalität. Dabei wird deutlich, dass speziell die Motive von Wirtschaftsstraftätern noch nicht hinrei- chend erforscht sind. Um Näheres über die Tatmotive von Wirtschaftsstraftätern in Erfahrung zu brin- gen, wurden 13 qualitativ-psychologische Interviews mit Wirtschaftsstraftätern in verschiedenen Voll- zugsanstalten geführt. Der Fokus lag dabei auf Betrug, Unterschlagung, Untreue und Korruption. Darüber hinaus wurden die Gerichtsakten von insgesamt 60 Wirtschaftsstraftätern aus 11 deutschen Staatsanwaltschaften systematisch ausgewertet und die für die Tat ausschlaggebenden Motive, charak- teristische Persönlichkeitsmerkmale und begünstigende Rahmenbedingungen untersucht. Fünf unter- schiedliche Täterprofile wurden identifiziert, die es ermöglichen, die Motive von Wirtschaftskriminalität besser zu verstehen. Es gilt, das komplexe Zusammenspiel von emotionalen, motivationalen und kogni- tiven Prozessen auf dem Weg zur Straftat zu verstehen, um mögliche Konsequenzen für die Prävention und Bekämpfung von Wirtschaftskriminalität zu diskutieren. Dabei zeigen die Ergebnisse dieses Bei- trags sehr unterschiedliche Tätertypen, die nach einem Präventionsmaßnahmen-Mix und geeigneten Rahmenbedingungen des Compliance-Managements verlangen. Schlüsselwörter: Wirtschaftskriminalität, Täterprofil, Tätermotivation Einleitung Bestechung, Unterschlagung oder Bilanzfälschung sind in den letzten Jahren vermehrt in den Mittelpunkt des öffentlichen Interesses gerückt. Im Jahre 2009 entfielen 1,7 % aller Straftaten und 6,4 % der polizeilich erfassten Betrugsfälle auf die Wirtschaftskriminalität (Bundeskriminalamt 2010). Allerdings ist dieser relativ geringe Anteil der Wirtschaftskri- minalität an allen Straftaten für die Hälfte des von den Behörden erfassten Gesamtschadens verantwortlich (Bundesministerium des Innern, Bundesministerium der Justiz 2006, 38). Darüber hinaus hat die Anzahl der Fälle von Wirtschaftskriminalität zwischen 2008 und 2009 absolut um fast 20 % von 84.550 auf 101.340 Delikte zugenommen (Bundeskriminal- amt 2010). PwC (2009) hat eine repräsentative Befragung von 500 deutschen Großunter- nehmen zu diesem Thema durchgeführt. Demnach verzeichneten 61 % aller Großunter- nehmen mindestens einen Schadensfall. Die Schadenshäufigkeit in den betroffenen Groß- unternehmen lag 2009 bei durchschnittlich acht Schadensfällen. Der Gesamtschaden der mit Wirtschaftskriminalität konfrontierten deutschen Großunternehmen ist in den letzten Jahren deutlich auf durchschnittlich 5,85 Millionen Euro angestiegen. Inzwischen gehen 1 Der vorliegende Beitrag ist eine zusammengefasste, aktualisierte und überarbeitete Fassung einer von den Autoren in Kooperation mit PricewaterhouseCoopers (PwC) erstellten Studie. Wir danken allen, von denen wir bei der Erarbeitung dieses Beitrags sowie der Studie Unterstützung erhalten haben, ins- besondere zwei anonymen Referees für ihre weiterführenden Anregungen. Ferner gilt ein besonderer Dank Steffen Salvenmoser, Sabine Schmidt (y) und Melanie Schmitt von PwC für ihre wertvollen kon- zeptionellen und inhaltlichen Beiträge zur ursprünglichen Studie sowie Verena Eisemann für ihre hilf- reiche Recherche und Unterstützung bei der Erarbeitung dieses Beitrags. Für Fehler und Ungereimt- heiten sind wir allein verantwortlich. MschrKrim 94. Jahrgang – Heft 1 – 2011 4 Brought to you by | Linköping University Library Authenticated Download Date | 1/6/20 4:15 PM