FJSB 2022; 35(2): 265–269 Editorial Jochen Roose, Elias Steinhilper Gespaltene Gesellschaft? Politische Polarisierung: Zustand, Debatten, Folgen https://doi.org/10.1515/fjsb-2022-0033 Bilder von Spaltung, Rissen und Gräben haben in der politischen und medialen Debatte zum Zustand der deutschen Gesellschaft seit geraumer Zeit Konjunk- tur. Der Reiz dieser Metaphern ist die Anschlussfähigkeit an eine Vielzahl, teils anekdotischer, teils empirisch messbarer gesellschaftlicher Phänomene: Scharfe Konflikte um politische Kernfragen wie Zuwanderung, Klimapolitik und zuletzt den Umgang mit der Corona-Pandemie; der elektorale Erfolg rechtspopulistischer Parteien; eine Verrohung des Umgangstons gegenüber Andersdenkenden, bis hin zu Hassrede; oder gar der Abbruch von sozialen Beziehungen aufgrund von poli- tischen Einstellungen. Überall wird vermutet, dass sich unversöhnliche Gruppen jenseits eines tiefer werdenden Grabens gegenüberstehen. Und nicht nur in poli- tischen Grundsatzreden jedweder Couleur hat das Bild einer zunehmend aus- einanderdriftenden Gesellschaft einen festen Platz. In der Sorge, welche Folgen das Zusammenspiel dieser unterschiedlichen Entwicklungen zeitigen könnten, richtet sich der Blick auf die USA, in denen sich die tiefen Gräben zwischen zerstrittenen politischen Lagern in den letzten Jahren verfestigt haben und der „kalte Bürgerkrieg“ (Lütjen 2020) mit dem Sturm auf das Kapitol im Januar 2020 seine Kälte verlor (siehe auch Heft 1/2022 des Forschungs- journals Soziale Bewegungen zu Mobilisierung und Zivilgesellschaft in den USA). Als Reichskriegsfahnen schwingende Demonstrierende am Rande eines Protests gegen die Maßnahmen zu Eindämmung der Corona-Pandemie als Warnung gewaltvoll versuchten, in das deutsche Parlament einzudringen, erschienen die dystopischen Zustände aus den USA plötzlich sehr nah. Der damalige Außenmi- nister Heiko Maas gab zu Protokoll: „Aus aufrührerischen Worten werden gewalt- same Taten – auf den Stufen des Reichstages, und jetzt im Capitol. Die Verachtung demokratischer Institutionen hat verheerende Auswirkungen.“1 1 Heiko Maas, zitiert im Tagesspiegel „Reaktionen auf Aufruhr in Washington“, 07.01.2021, tagesspiegel.de.