Štěpán Zbytovský Romantik des Geschmacklosen oder zionistische Distanzliebe. Zu Max Brods Konzeption der Literaturkritik 1. Vorbemerkungen Was greift er nicht alles an: die Presse, die Plakate, die Operette, die Gesangsvereine, sogar Kutscher und Bettelkinder in Italien! Lauter Dinge, die uns entweder gleichgültig sind oder in deren Geschmacklosigkeit wir längst einen aufregenden, interessanten und mit Vorsicht zu genießenden Bestandteil unserer Kultur erkannt haben. (Brod 1911a: 1638) Mit diesen Worten bespricht Max Brod 1911 im Literarischen Echo Karl Kraus’ Aufsatzsammlung Die chinesische Mauer und polemisiert mit seiner „Wut“, sei- ner „satirischen Stellung gegen die gesamte Welt“ (Brod 1911a: 1638). Es handelt sich um einen der wenigen Verrisse in Max Brods literaturkritischer Praxis, eine nur scheinbar paradoxe Polemik gegen den Polemiker. Über den anderen der Kritikerpäpste um die Jahrhundertwende, Alfred Kerr, urteilte Brod in der Aktion im Kontext des Kraus-Kerr-Streits ganz anders: Das Wichtigste, was ein Autor leisten kann, hat er gebracht: eine neue Sprache, neue Mög- lichkeiten, sich auszudrücken und zu erkennen. Daß er nebstbei Kritiker ist, langweilt mich. Wozu Kritik? Es sollte Dichtung geben und theoretische, ins feinste ausgearbeitete Ästhetik. Zwischenstufen sind tückisch, schädlich, häßlich, trutzlos. Kerrs Kritiken sind, mit Exstirpierung einiger Urteilssätze, als Dichtungen auffaßbar. (Brod 1911b: 336) Max Brod folgte dieser rhetorischen Infragestellung der Kritik bekanntlich nicht. Will man sich nun nicht der Meinung anschließen, Brod habe auch hier nur die Auseinandersetzung mit Kraus fortführen wollen – mit der Absicht, seine eigene Position in Prag zu festigen bzw. eine persönliche Kränkung wett- zumachen (so Vassogne 2009: 187-190) –, so muss man sich der Frage stellen, welche Konzepte seine kritische Tätigkeit sowie seine metakritischen Urteile bestimmten und inwiefern sie in der praktischen Umsetzung spürbar wurden. Ich werde mich im Folgenden auf eine Reihe von Brods Essays konzentrie- ren, in denen er zwischen 1906 und 1926 programmatische Äußerungen über Kriterien, Methoden und Funktionen der Literaturwertung vorbrachte. Das Programmatische soll des Weiteren mit Brods Besprechungen deutschböh-