Strahl und Strom - Wandrers Sturmlied als dramatisierte Reflexion von Subjektivitat und kiinstlerischer Kreativitat Von BIRTHE HOFFMANN (Kopenhagen) ABSTRACT In Goethes Wandrers Sturmlied vollzieht sich nur im abstrakten Sinne eine Wande- rung, die erst als Reflexion iiber die Moglichkeitsbedingungen (spiitzeitlicher) kiinstleri- scher Kreativitiit und die Heteronomie der Subjektivitiit eine gewisse zeit-riiumliche Ko- hiirenz aufweist. Die Dramatisierung dieser Reflexion als Erlebnis und Strom des Affekts kann als Antwort auf die Herausforderung durch die Odentheorie Herders verstanden werden. The walk of the 'I' in Goethes Wandrers Sturmlied must be understood in an abstract way - only as a reflection on the heteronomy of subjectivity and the possibility of artistic creativity does it show a certain spatio-temporal coherence. The dramatization of this re- flection as an experience and stream of emotion can be seen as an answer to the chal- lenges proposed by Herder in his theory on the ode. I. Die paradoxe ,gelehrte Genialitat' von Wandrers Sturmlied hat in der For- schung zur fruhen Lyrik Goethes zu immer neuen Beitragen herausgefordert und bisweilen zu heftigen Diskussionen gefuhrt. Das Priidikat ,schwierig' ver- dankt das Gedicht nicht nur seinen Leerstellen erzeugenden Sprungen und El- lipsen, sondern auch der vielschichtigen Verweisstruktur, wobei die philologi- schen Bemuhungen urn die Auslegung dieses Textes sich vor allem darauf kon- zentriert ha ben, die vielen moglichen intertextuellen Bezuge des Textes aufzu- decken. Dank der grogen Belesenheit der Interpreten ist durch die Fulle der Ar- beiten mittlerweile deutlich geworden, dag sich das Gedicht auf viele Traditio- nen gleichzeitig bezieht - so konnen Bilder-, Wort- und Vorstellungsmaterial sowohl auf literarische, mythologische, biblische, pietistische und hermetische Texte und Traditionen zuriickgefiihrt werden. Das wirft aber wiederum die Frage auf, wie diese Elemente - mit einem Begriff Wolfgang Isers: das ,Reper- toire' des Textes - in der Gesamtstruktur des Textes umfunktionalisiert und neuen Inhalten geoffnet werden. Denn die innertextlichen Beziige konnen gera- de jene Bestimmtheit einzelner Textelemente, die man zu belegen versucht hat, wieder aufiosen. Das ,Schwierige' dieses Gedichts besteht somit nicht nur in der Zuweisung und Bestimmung der Elemente des Kontexts, der externen Referenz, sondern