Open Access. © 2021 Toke Hoffmeister, Markus Hundt, Saskia Naths, publiziert von De Gruyter.
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https://doi.org/10.1515/9783110731958-202
Toke Hoffmeister, Markus Hundt, Saskia Naths
Theorien, Methoden und Domänen der Folk
Linguistics im deutschsprachigen Raum
Einleitung in den Band
Im deutschen Sprachraum hat sich seit den 1990er Jahren die Dialektologie
verstärkt mit laienlinguistischen Vorstellungen zu deutschen Dialekten und zu
deren Sprecherinnen und Sprechern befasst, anfangs noch unter Rückgriff auf
verschiedene Termini (Alltagsdialektologie, Ethnodialektologie, Hörerdialektolo-
gie etc.). Mittlerweile konnte sich weitestgehend der Vorschlag von Anders
(2010) durchsetzen, die diese Disziplin als Wahrnehmungsdialektologie bezeich-
net (als Übersetzung des engl. perceptual dialectology). Eine Vielzahl von Publi-
kationen ist hier zu Wissensinhalten und Methodologie erschienen (vgl. für eine
Übersicht Hundt 2018). Doch damit ein umfassendes Verständnis von Sprach-
wandelprozessen, dem Entstehen von Normen und einem Konzept von Sprache
insgesamt entstehen kann, ist nicht nur der Blick auf die Dialekte notwendig,
sondern auf andere sprachliche Varietäten und damit verbunden auf einzelne
Sprachsystemebenen. Diese Herangehensweise hat jedoch bisher in der Lingu-
istik kaum Beachtung gefunden. Zwar hat sich schon Antos (1996) mit einer
„Laienlinguistik“ beschäftigt, führt jedoch Untersuchungen von Sprachratge-
bern durch und versteht die Disziplin somit als eine Disziplin für Laien
1
. Dass
jedoch auch eine Linguistik von Laien notwendig ist, wurde z. B. von Niedzielski
& Preston (2003) und Lehr (2002) gezeigt. Diese ist erst in den letzten Jahren im
Entstehen begriffen wie bspw. das Handbuch von Antos, Niehr & Spitzmüller
(2019) verdeutlicht. Eine umfassende und insbesondere systematische Eruie-
rung der laienlinguistischen Wissensbestände und Spracheinstellungen stellen
ein dringendes Forschungsdesiderat dar. Dieser Sammelband, der im Anschluss
an die Tagung LaienWissenSprache, die vom 5.-7. September 2019 an der Chris-
tian-Albrechts-Universität zu Kiel stattgefunden hat, möchte einen Beitrag zur
Schließung der Forschungslücke leisten, aber auch neue Perspektiven für eine
weiterführende Forschung eröffnen, die u. E. dringend geboten ist.
Diese Einleitung besteht aus insgesamt vier Teilen: Im ersten Abschnitt
werden zentrale Erkenntnisinteressen der Laienlinguistik überblicksartig zu-
||
1 Die Varianten Laie und Experte verbleiben im typisierenden Singular, vgl. dazu die Fußnote
im Beitrag Jürgen Spitzmüllers.