Wie ist Kommunikation ohne Bewusstseinseinschüsse möglich?
Eine Antwort auf Rainer Greshoffs Kritik der Luhmannschen
Kommunikationstheorie
How is Communication Possible without the Inclusion of Consciousness?
A Response to Rainer Greshoff’s Critique of Luhmann’s Theory of
Communication
Wolfgang Ludwig Schneider
Universität Osnabrück, Fachbereich Sozialwissenschaften, Seminarstraße 33, 49069 Osnabrück, Germany
E-Mail: wolfgang.ludwig.schneider@uni-osnabrueck.de
I.
Rainer Greshoff hat versucht, mit den Mitteln der
Textexegese die Unhaltbarkeit der systemtheoreti-
schen These nachzuweisen, dass Kommunikation
als selbstreferentiell geschlossener Zusammenhang
ohne Einschluss psychischer Operationen funktio-
niert. Das Fazit seiner Analyse (Greshoff 2008: 463)
sagt dies klar und deutlich: „Denn dass psychische
Systeme, wie Luhmann schreibt, ‚zur Kommunika-
tion keinerlei Operationen bei (-tragen, R.G.) . . . et-
wa im Sinne einer sukzessiven Abfolge von Gedanke-
Rede-Gedanke-Rede‘ (Luhmann 1997: 104), kann
nach der vorstehenden Analyse nicht der Fall sein.“
Was an dieser These überrascht, ist die völlige
Kommunikationsvergessenheit, in der sie entfaltet
wird. Achtet man auf die Art der eigenen Betei-
ligung an Kommunikation, verliert sie rasch an
Plausibilität. Bei der Lektüre seines Textes etwa ha-
be ich Worte und Sätze, aber keine Gedanken gele-
sen. Gleiches gilt vermutlich für Rainer Greshoffs
Luhmannlektüre, die ihren kommunikativen Nie-
derschlag in seinem Aufsatz findet. Texte reagieren
hier auf Texte, definieren den gerade kritisierten
Text damit als kompakte Mitteilung von Informa-
tionen und bringen ein bestimmtes Verstehen zum
Ausdruck. Luhmann, Greshoff, Srubar, Schneider
etc. kommen in dieser Diskussion weder als psycho-
physische Kompletteinheiten, noch als reine Be-
wusstseine, sondern nur als Zurechnungspunkte ins
Spiel, die in den aufeinander referierenden Texten
ebenfalls nur textförmig, nämlich als Signaturen,
präsent sind. Wo also steck(t)en die Gedanken?
Ich vermute (und nehme an, dass die Leser dieses
Textes nichts anderes vermuten): In den Köpfen der
Autoren, die sich durch das Thema dieser Kom-
munikation hinreichend faszinieren ließen, um Ver-
haltensäußerungen auszuwerfen, die als Kommuni-
kationsbeiträge verstanden werden und zugleich
andere Bewusstseine zu ähnlich anschlussfähigen
Verhaltensäußerungen reizen konnten, in denen
sich das Verstehen der vorausgegangenen Beiträge
(verknüpft mit weiterführenden Sinngehalten) arti-
kuliert.
Die Kommunikation muss demnach zwar psy-
chisches Engagement als Bedingung ihrer Möglich-
keit voraussetzen. In der Kommunikation ist es
jedoch nicht als Operation anzutreffen.
1
Hier
schließen immer nur Operationen eines Typs, näm-
lich Mitteilungen an Mitteilungen, an. Gedanken
als davon zu unterscheidende psychische Operatio-
nen können, zumindest so lange Telepathie nicht
zuverlässig funktioniert, nur im Modus der Fremd-
referenz in der Kommunikation angesprochen,
d. h. zum Thema gemacht werden. Man stelle sich
vor, jemand sagte in einem Gespräch unvermittelt
„Das sollten Sie nicht tun“ und wollte auf diese
Weise mitteilungsförmig an den nicht verbalisierten
Gedankeninhalt eines Gesprächspartners anschlie-
ßen, den er (auf welchem Wege auch immer) erra-
ten hat. Wenn Kommunikation selbstreferenzana-
log an Gedanken anschließen können sollte, müsste
sie in einem solchen Fall ohne Problemanzeige (also
auch ohne irritierte Blicke, anschlussloses Überge-
hen der Äußerung etc.) weiterlaufen. Damit ist aber
unter normalen Bedingungen wohl kaum zu rech-
470 © Lucius & Lucius Verlag Stuttgart Zeitschrift für Soziologie, Jg. 37, Heft 6, Dezember 2008, S. 470–479
1
Wenn es freilich um die kausale Erklärung von Kom-
munikation geht, dann ist der Rekurs auf Annahmen über
Psychisches kaum zu vermeiden. Die Analyse von Kom-
munikation als selbstreferentiell geschlossenem Zusam-
menhang aneinander anschließender Operationen glei-
chen Typs versteht sich jedoch nicht als Versuch einer
kausalen Erklärung, sondern als Analyse der Konstitution
von Kommunikation.