Das Geschlecht der Pflanzen in Antike und Früher Neuzeit: Plurale Transformationen antiker Wissensordnungen in den pflanzenanatomischen Werken von Marcello Malpighi (Bologna) und Nehemiah Grew (London) NICOLE C. KARAFYLLIS 1. Prolog: Wissen über Pflanzen im Lichte kulturabhängiger Anthropomorphien »Wenn Pflanzen sprechen« titelte vor kurzem die Wissenschaftsseite von DIE WELT. 1 Der Artikel thematisierte die verborgene Kommunikation der Pflanzen mit Hilfe chemischer Botenstoffe: Wenn man die Sprache der Pflanzen hören könnte, dann wäre es laut im Wald, er wäre erfüllt vom Brummeln, Schwatzen und Schreien der Bäume und Kräuter. […] Viele stoßen bei Fraßschädigung ein Duftsignal aus, das von anderen Pflanzen wahr- genommen werden kann. […] Der wilde Tabak kann die Warnsignale von verletzten Exemplaren des Wüsten-Beifußes wahrnehmen und entsprechend darauf reagieren. Diese wissenschaftsjournalistisch geprägte Sprache für die Beschreibung pflanz- licher Vorgänge beruht auf Anthropomorphien, ohne die auch die Biologie nicht auskommt: Pflanzen können scheinbar dasjenige, was auch Menschen können: sprechen, wahrnehmen, reagieren. Nur wir Menschen, so wird oben suggeriert, hätten ein Defizit, jene pflanzlichen Fähigkeiten und ihre zugehörigen Strukturen mit unseren bloßen Sinnen, ohne technische Mittel, wahrzunehmen. Obgleich Pflanzen weder Herz, Blut noch Gehirn haben, scheinen sie uns durch diese Über- setzungsstrategie in funktionaler Hinsicht ähnlich. Weitere Anthropomorphien finden wir in der Neuzeit bei der metaphorischen Beschreibung der Art und Wei- se, in der Pflanzen den Sexualakt vollziehen: Sie verführen, betrügen und lassen sich befruchten. Diese Sicht, die uns heute normal scheint oder allenfalls ein Schmunzeln ab- ringt, trägt wissenschaftshistorisch die Signaturen erbitterter Kämpfe: um pflanz- _____________ 1 DIE WELT, 6.1.2007, W3. Autor: Simon Degelo. Bereitgestellt von | Technische Universität Braunschweig Angemeldet Heruntergeladen am | 17.05.18 14:25