Kurt Appel Mythologie und Liturgie als Manifestationen des Absoluten in Schellings Philosophie der Kunst. Versuch einer Standortbestimmung vor dem Hintergrund möglicher Anfragen mittels Hegels Phänomenologie des Geistes 0. Vorbemerkung Der unglaubliche globale Erfolg von Tolkiens Herr der Ringe und von George Lucas Star Wars Saga lassen die Vermutung hochkommen, daß wir in einer Epoche der Sehnsucht nach dem Mythos leben, was sich nicht zuletzt darin ausdrückt, daß intensiver denn je große Erzählungen und Bilder gesucht werden. Umso bemerkenswerter ist es daher, wenn wir in einer der großen philosophi- schen Epochen des Abendlandes, nämlich dem deutschen Idealismus, auf Schlüsselgestalten stoßen, deren zentrales Motiv die Suche nach dem Mythos bzw. dessen Wiedergewinnung ist. Namentlich gilt dies für den jungen Hegel des ältesten Systemprogramms des deutschen Idealismus,fürHölderlin und für Schelling. Letzterer hat sowohl in der Identitätsphilosophie als in der Spätphi- losophie – wenn auch auf sehr verschiedene Weise 1 – den Versuch unternom- men, den Mythos als konstitutives Moment der Vernunft und damit der Freiheit aufzuweisen. Im Unterschied dazu hat sein ehemaliger Weggefährte Hegel zwar ebenfalls dem Mythos eine zentrale Stelle in der Kunst und damit im Absoluten zugewiesen, sich allerdings aus Gründen, die von uns im folgenden Beitrag angedeutet werden sollen, bereits in der Phänomenologie des Geistes (PhdG) 2 gezwungen gesehen, davon Abstand zu nehmen, der Kunst bzw. dem Mythos das letzte Wort in der Erkenntnis des Absoluten zuzuweisen. Und das, obwohl seine PhdG vielleicht sogar als Anfang der großen Erzählung, die Schelling in der Philosophie der Kunst fordern wird, 3 anzusehen ist. 1Für den Mythos als Schlüssel zu einem Verständnis der positiven Philosophie siehe v. Vf., Zeit und Gott. Mythos und Logos der Zeit im Anschluss an Hegel und Schelling, Paderborn 2008. 2 Wir werden Hegel im folgenden nach der allgemein verfügbaren Suhrkamp-Ausgabe zitieren: G.W.F. Hegel, Werke in zwanzig Bänden, hrsg. v. E. Moldenhauer/K.M. Michel, Frankfurt 1986. Die Phänomenologie des Geistes ist dabei als dritter Band erschienen und wird im folgenden als ›PhdG‹ abgekürzt und zitiert. 3 Vgl. F.W.J. Schelling, Philosophie der Kunst, SW V, 457. Alle Schelling-Zitate werden nach der Open-Access-Publikat ion im Sinne der CC-Lizenz BY-NC-ND