© 2013 Verlag Hans Huber, Hogrefe AG, Bern Therapeutische Umschau 2013; 70 (1): DOI 10.1024/0040-5930/a000358
Übersichtsarbeit 21
Die psychosomatische Perspektive kommt meist ins Spiel, wenn Schwindel ohne
nachweisbares organisches oder funktionelles Korrelat auftritt. Diagnostisch
lassen sich die so definierten Beschwerden unter die somatoformen Störungen
einordnen (ICD-10 F45). Ätiologisch hilft diese Einordnung nicht weiter, da die
Erklärungskonzepte somatoformer Störungen uneinheitlich sind. Diese ätio-
logische Unsicherheit widerspiegelt sich im Fehlen eindeutig belegter wirksamer
Therapieoptionen, die medikamentöse Behandlung mit SSRI und Benzodiazepi-
nen sowie kognitiv behaviorale Psychotherapie umfassen. Im zweiten Teil des
Artikels wird an Hand von Fallbeispielen versucht, über das Konzept einer Unter-
scheidung leiblicher von körperlichen Phänomenen Schwindel in seinen Aus-
wirkungen auf das leibliche Befinden von Patienten zu verstehen und daraus
therapeutische Interventionen abzuleiten. Betont wird die Abhängigkeit der
Inzidenz von Schwindel als ängstigendes Symptom vom Zeitgeist einer Epoche,
der darüber entscheidet, welche Wahrnehmungen Krankheitswert erhalten.
Schwindel als leibliche Regung kann Orientierungslosigkeit bedeuten, oder ab-
geleitet sein aus Zuständen des sich Verlierens in die Weite der Schläfrigkeit;
beides wird an Fallbeispielen erläutert.
Zur diagnostischen Einordnung
von Schwindel ohne eindeutige
biologische Ursachen
Gemäß ICD-10 werden körperliche
Beschwerden ohne eindeutige biolo-
gische Ursache den Somatisierungs-
störungen zugerechnet (ICD-10 F45).
Typisch ist, dass sich Fachperson und
Patient nicht auf ein gemeinsames Er-
klärungskonzept einigen können, in
dem neben biologischen auch andere
Ursachen enthalten sein könnten. Aus
der Literatur lässt sich ein eindeutiges
Verständnis der Pathogenese der So-
matisierung nicht ableiten, weil meh-
rere Erklärungskonzepte nebeneinan-
der stehen. Es lassen sich im Prinzip
folgende unterschiedliche Ansätze be-
schreiben:
• Die Beschwerden des Patienten sind
Ausdruck innerpersönlicher Kon-
flikte oder von ungelösten Konflikten
mit anderen Menschen, die sich nicht
„psychologisch“, sondern über kör-
perliche Beschwerden manifestieren.
• Die Beschwerden des Patienten re-
flektieren eine ungünstig verlaufende
Lerngeschichte im Umgang mit kör-
perlichen Wahrnehmungen, im Rah-
men derer sie eine übermäßig große
und negativ getönte Bedeutung er-
halten.
Einen ganz eigenen Aspekt im Zugang
zum Phänomen Schwindel stellt das
Alexithymie-Konzept dar. Dieses Kon-
zept geht davon aus, dass sich Stö-
rungen entwickeln, wenn Gefühle
nicht oder ungenügend wahrgenom-
men und/oder kommuniziert werden
können. Tatsächlich findet sich diese
Auffälligkeit bei vielen Patienten mit
Somatisierungsstörungen. Sie erklärt
auch, warum das Gespräch mit Schwin-
del-Patienten von Therapeuten und
Ärzten oft als mühsam erlebt wird und
beide ratlos hinterlässt: es fällt schwer
über Gefühle zu sprechen, häufig liegen
sie für den Therapeuten auf der Hand,
aber der Patient findet keinen Zugang
zu ihnen.
Therapeutische Grundsätze
bei Schwindel
Unabhängig von den unterschiedlichen
psychosomatischen Erklärungsmodel-
len des Schwindels wäre es wünschens-
wert, wenn unauffällige somatische
Untersuchungen nicht noch mehrfach
wiederholt würden; sie bestätigen Pa-
tienten in ihren negativen und meist
somatisch ausgerichteten Erklärungs-
modellen. Wann immer möglich, wäre
es günstig, möglichst frühzeitig die
Möglichkeit einzuführen, dass psychi-
sche oder auf jeden Fall nicht soma-
tische Faktoren als (Mit-)Ursache in
Frage kommen.
Der Förderung einer aktiven Haltung
des Patienten kommt eine wichtige
Rolle zu, vor allem mit dem Fokus auf
einer gezielten Verbesserung der Kör-
perwahrnehmung (z. B. durch thera-
peutengeleitete Expositionen mit z. B.
Drehstuhl, Treppensteigen, Hyperven-
tilation, Physiotherapie, Biofeedback,
Entspannungs- und Achtsamkeitsver-
fahren, z. B. MBSR [Mindfulness-Based
Stress Reduction]). Speziell in Bezug auf
den Schwindel kommt der Schulung
der physiologischen Kompensations-
mechanismen eines gestörten Gleich-
gewichtssystems (vor allem der pro-
priozeptiven und visuellen Anteile)
eine wichtige Bedeutung zu.
Es lohnt sich mit einem Patienten dar-
über zu sprechen, welche psychoso-
zialen Ressourcen ihm zur Verfügung
stehen. In Kenntnis seiner Möglich-
keiten ist es einfacher ihn zu motivie-
ren, sein Verhalten zu ändern und sinn-
lose Vorschläge werden frühzeitig als
solche erkannt: eine Patientin, die
nicht schwimmen kann oder aus kul-
turellen Gründen nicht in ein öffent-
liches Schwimmbad gehen darf, profi-
tiert nicht von der wohlgemeinten
Empfehlung, am „AQUAFIT“ der Volks-
hochschule teilzunehmen.
Vor einem kognitiv-verhaltensthera-
peutischen Hintergrund könnte eine
psychotherapeutische Intervention bei
Schwindel (Einzel- oder Gruppensit-
zungen) folgendermaßen aussehen:
• Psychoedukation über biopsychoso-
ziale Erklärungsmodelle, z. B. Stress-
einfluss auf Schwindel
Psychosomatik/Innere Medizin, Universitätsspital Basel
Wolf Langewitz, Dagmar Schmid
Schwindel aus psychosomatischer Sicht