MATERIALPRÜFUNG IN DER FÜGETECHNIK
Mechanisches Verhalten
und Fehlerempfindlichkeit von
Hartlötverbindungen
Untersuchungen an bauteilähnlichen Proben mit T-Stoß-Geometrie
Christian Leinenbach,
Hans Lehmann und
Hans-Jakob Schindler,
Dübendorf, Schweiz
Das Hartlöten spielt als kostengünstiges
Fügeverfahren mit einer im Vergleich
zum Schweißen geringen thermischen
Beanspruchung der Bauteile bei der in-
dustriellen Fertigung eine große Rolle.
Eine zuverlässige Abschätzung der Inte-
grität und des Langzeitverhaltens hart-
gelöteter Strukturen für unterschied-
1.0
nicht sicher
0.8
0.4
0.0 0.2 0.4 0.6 0.8 1.0 1.2 1.4 1.6 1.8 2.0
L
r
Bild 1. FAD-Diagramm nach R6 Option 3,
schematisch
Im Rahmen dieser Arbeit wurde das mechanische Verhalten von
Lötverbindungen aus dem weichmartensitischen Stahl X3CrNi 13-4
mit AuNi18 anhand von bauteilähnlichen Proben mit T-Stoß-Geo-
metrie in Zug- und Biegeversuchen untersucht. Zur Bewertung
der Fehlerempfindlichkeit wurden bei einigen Proben typisierte
rissähnliche Fehler unterschiedlicher Größe und Geometrie in die
Lötzone eingeführt. Zur theoretischen Beschreibung müssen ange-
sichts der auftretenden Spannungskonzentrationen bruchmechani-
sche Modelle herangezogen werden. Als praxisgerecht verein-
fachtes Verfahren der elastisch-plastischen Bruchmechanik wurde
die Anwendbarkeit des Failure Assessment Diagrams (FAD)
untersucht. Das Ziel der Untersuchung war eine ingenieurmäßige
Beschreibung des Einflusses von Lötfehlern auf das Tragverhalten
gelöteter Strukturen.
liehe Beanspruchungsbedingungen ist
von sehr großem Interesse, wird jedoch
durch den heterogenen und anisotropen
Charakter der Lötverbindungen erheb-
lich erschwert. Darüber hinaus weisen
hartgelötete Strukturen in der Praxis
häufig Fehler wie z.B. Poren und Binde-
fehler auf, die die Stabilität bei mechani-
scher Beanspruchung stark beeinträch-
tigen können. Bei industriellen Bautei-
len werden häufig T-Stoß-Verbindungen
realisiert.
Charakteristisch an einem T-Stoß ist,
dass die Randbereiche der Lötfläche, wo
die Wahrscheinlichkeit bestehender Löt-
fehler oder nachträglich durch Ermü-
dung angewachsener Risse besonders
hoch ist, in einer einspringenden Ecke
liegen, also in einem Bereich, wo eine
globale Spannungskonzentration in-
folge der Kerbwirkung vorliegt. Zusätz-
lich wird eine lokale Spannungskonzen-
tration an den Rissen oder Lötfehlern
überlagert.
Dieser Zustand lässt sich nur mit
bruchmechanischen Ansätzen adäquat
theoretisch beschreiben und berechnen.
Wegen der beschränkten Größe der
Querschnitte und den im Allgemeinen
relativ kleinen Rissen ist davon auszu-
gehen, dass die Anwendbarkeit der li-
near-elastischen Bruchmechanik (LEBM)
nicht mehr ohne Weiteres zulässig ist.
Wenn aber auf die Theorie der elastisch-
plastischen Bruchmechanik (EPBM) zu-
rückzugreifen ist, vergrößert sich der
rechnerische und experimentelle Auf-
wand für eine theoretische Beschrei-
bung enorm und übersteigt oft das in
der Praxis noch handhabbare Maß. Das
Hauptziel der vorliegenden Untersu-
chung war es, eine Möglichkeit zu fin-
den, wie dennoch entsprechende Sicher-
heitsnachweise für hartgelötete Struktu-
ren erbracht werden können. Hierbei
steht die Methode des Failure Assess-
ment Diagrams (FAD) im Vordergrund.
Die vorliegende Untersuchung ist Teil
49 (2007) 4 © Carl Hanser Verlag, München MP Materials Testing 149