Ponseti J, Stirn A. Wie viele Geschlechter gibt es? Z Sexualforsch 2019; 32: 131–147 131 Debatte Wie viele Geschlechter gibt es und kann man sie wechseln? How Many Sexes Are There and Is It Possible to Change Them? Autor_innen Jorge Ponseti und Aglaja Stirn Institut Institut für Sexualmedizin und Forensische Psychiatrie und Psychotherapie, Christian-Albrechts-Universität zu Kiel Schlüsselwörter Geschlechtsdysphorie; Geschlechtsidentität; Geschlechtsinkongruenz; Geschlechtsrollen; Transgender Keywords gender dysphoria; gender identity; gender incongruence; gender roles; transgender Bibliografe DOI https://doi.org/10.1055/a-0978-7137 Z Sexualforsch 2019; 32: 131–147 © Georg Thieme Verlag KG Stuttgart · New York ISSN 0932-8114 Korrespondenzadresse Prof. Dr. phil. Jorge Ponseti Christian-Albrechts-Universität zu Kiel Institut für Sexualmedizin und Forensische Psychiatrie und Psychotherapie Arnold-Heller-Str. 3, Haus 28 24105 Kiel Jorge.Ponseti@uksh.de ZUSAMMENFASSUNG Die Aufteilung des Menschen in zwei Geschlechter wurde in jüngerer Vergangenheit kritisiert, da es keine genaue Grenze zwischen beiden Geschlechtern gebe und weil die Vorstellung von der Existenz zweier Geschlechter selbst das Ergebnis eines sozialen Konstruktionsprozesses sei. Daher sei Geschlecht etwas, was eine Person nur für sich bestimmen könne, folglich Transsexualität/Geschlechtsdysphorie keine psychische Stö- rung und die Ansprüche der Betrofenen nach selbstbestimmter Wahl geschlechtsangleichender Maßnahmen legitim. In der vorliegenden Arbeit wird die klassische Aufassung der Zweigeschlechtlichkeit durch die Fortpfanzungsfunktion be- gründet. Die Unterschiedlichkeit von Samen- und Eizelle (An- isogamie) hat weitreichende Konsequenzen für die Lebens- wirklichkeit des Menschen und begründet geschlechtstypische Verhaltensneigungen und Geschlechtsrollen. Der aktuelle Be- grif Geschlechtsidentität wird kritisiert und einem anderen Identitätskonzept, das therapeutische Anknüpfungspunkte bietet, gegenübergestellt. Ferner wird erläutert, wie sich die Kritik am klassischen Geschlechtsbegriff nachteilig für die Sexualwissenschaft sowie auch für die Therapie geschlechts- dysphorischer Menschen auswirkt. Die Annahme, dass eine Psychotherapie der Geschlechtsdysphorie unethisch ist, wird diskutiert und den Ergebnissen neuerer Katamnesestudien gegenübergestellt. Unter Berücksichtigung neurowissen- schaftlicher Studien werden Vorschläge für eine neue psycho- therapeutische Strategie gemacht. ABSTRACT The classical view of two sexes is nowadays criticized on the basis that there may be no clear boundary between the two sexes and because the perception of two genders may be so- cially constructed. In consequence, a person’s determination of their own gender, de-pathologizing of transgenderism and self-determined demands for sex reassignment surgery are re- garded as legitimate. This paper justifes the conceptualizing of two sexes with regard to their reproductive functions. An- isogamy has far-reaching consequences for sex-dimorphic lived realities, behavioral tendencies, and gender roles. We criticize the current understanding of gender identity and suggest a concept of identity that ofers starting points for psychothera- py. We further argue that a non-binary view of sex has negative consequences for sex research and for the treatment of gender dysphoria. Based on outcome and neuroscientifc studies, we discuss whether the psychotherapeutic treatment of gender dysphoria is unethical, oppose this view with newer catamnesis studies, and ofer suggestions for new treatment strategies. Die Kritik am klassischen Geschlechtsbegrif Haben Sie ein Haustier? Vielleicht einen Hund oder eine Katze? Wenn ja, werden Sie kaum zögern, um das Geschlecht des Tieres anzugeben; also ob es sich um einen Rüden oder um eine Hündin, um einen Kater oder um eine Katze handelt. Auch wenn Sie kein Haustier haben, wird es Ihnen leicht fallen, die wichtigsten spezif- schen Merkmale zu nennen, die ein weibliches von einem männli- chen Säugetier unterscheiden: Es sind die Geschlechtsorgane und ihre Funktionen, die jeweils nur (und deshalb in spezifscher Weise) in weiblicher oder männlicher Ausprägung gegeben sind. Obwohl das, was Geschlecht ist, bei Säugetieren leicht zu benen- nen ist, wird die Frage, was eigentlich das Geschlecht beim Men- Heruntergeladen von: Cornell. Urheberrechtlich geschützt.